die Arbeit mit wilden Landrassen

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Als Heterosis- oder Bastardeffekt bezeichnet man eine besonders ausgeprägte Leistungsfähigkeit bei Pflanzen, welche die der beiden Elternteile übertrifft. Ich will Euch ein ganz einfaches Beispiel geben, das diesen Effekt verdeutlicht: Wir haben zwei Elternpflanzen, die beide gute Eigenschaften besitzen, einzig der Ertrag liegt bei der männlichen und der weiblichen Pflanze nur im mittleren Durchschnitt. Wir kreuzen beide Elternpflanzen miteinander und erhalten eine Generation, die plötzlich einen sehr hohen Ertrag erzeugt. Genau diese gesteigerte Leistung ist gemeint, wenn wir über den Heterosiseffekt sprechen. Natürlich beschränkt sich der Bastardeffekt nicht auf ein Merkmal oder eine Eigenschaft, genauso gut kann die Harzbildung oder der THC-Gehalt gesteigert oder gar verdoppelt werden.
Was genau löst einen solchen Effekt aus, und kann man ihn vielleicht sogar zu eigenen Gunsten beeinflussen?
die Arbeit mit wilden Landrassen03Schaut man sich den heutigen Samenmarkt an, so stellt man fest, dass 90 % aller erhältlichen Sorten F1-Hybriden sind. Doch warum gibt es so viele F1 -Generationen? Die Gründe sind verschieden: F1-Hybriden sind in der Regel schnell produziert und können in dieser Form nicht vom Grower oder anderen Züchtern nachgemacht werden. Will man den Strain ein weiteres Mal anpflanzen, muss man sich die Samen erneut im Handel kaufen. Auch der Heterosiseffekt spielt eine sehr große Rolle auf dem heutigen Markt. Der Effekt der starken und vitalen F1-Generation verspricht gute Ergebnisse bei einem minimalen Zeit- und Arbeitsaufwand.
Der Heterosiseffekt unterliegt hauptsächlich zwei Faktoren, die seine Stärke bestimmen. Zum einen ist das eine möglichst hohe genetische Stabilität des sorteneigenen Genpools. Ein reinerbiger Genfundus wird einen deutlich stärkeren Heterosiseffekt haben als eine Kreuzung aus zwei mischerbigen Hybriden. Aus diesem ersten Faktor leitet sich auch gleich der zweite ab: Der Bastardeffekt ist umso stärker, je verschiedener der Genpool der beiden Elternpflanzen ist. Das heisst, dass der Effekt am stärksten ist, wenn eine reine Indica-Landrasse mit einer reinen Sativa-Landrasse gekreuzt wird, da die Unterschiede in der Genetik sehr groß sind.
Aus einer solchen Kreuzung resultiert ein starker Heterosiseffekt, der bessere und vitalere Pflanzen hervorbringen kann, als beide Eltern für sich alleine waren. In der Regel äußert sich dies in einem sehr vitalen Aussehen, einem guten und kraftvollen Wachstum, einem überdurchschnittlichen Ertrag und einem hervorragenden Harzbesatz. Doch der Heterosiseffekt bietet keine Garantie, dass aus zwei x-beliebigen Sorten eine absolute Top-Genetik entstehen muss. Die Wahl der bestmöglichen Elternpflanzen ist das A und O bei der Zucht von F1 -Hybriden. Viele von Euch werden jetzt vielleicht denken, dass sich die Zucht von F1-Hybriden doch gar nicht so schwierig anhört; man könnte doch jetzt nur noch auf die erste Filialgeneration setzen und damit F1-Hybriden produzieren. Doch es gibt da noch ein Problem, vor allem für Züchter, die aus bestehenden F1 -Generationen wieder neue Strains züchten wollen cannabis anbau
Wir wissen, dass der Heterosiseffekt bei der F1 am stärksten ist und mit jeder weiteren Inzuchtgeneration schwächer wird. Nun selektiert ein Breeder einen F1 -Hybrid, der ihm besonders gut erscheint, und kreuzt ihn mit einem männlichen Exemplar einer anderen Sorte. Überraschenderweise ist die daraus entstehende Gruppe von Pflanzen nur durchschnittlich und zeigt nur sehr wenige gute Eigenschaften. Was ist jetzt auf einmal passiert; beide Elternteile besaßen doch sehr gute Eigenschaften? Es ist oft so, dass der starke Heterosiseffekt einer F1-Generation die eigentlichen, vielleicht nur durchschnittlichen Merkmale einer Sorte, überdeckt oder abschwächt. Die Pflanze, die man selektiert hatte, war nur deshalb so leistungsfähig, weil es einen starken Bastardeffekt gab und nicht, weil die Pflanze so gute Gene hatte. Kreuzt man mit derselben Pflanze weiter, werden nur die durchschnittlichen Gene weitervererbt, und nicht die Stärken des Heterosiseffekts.
Wie kann man herausfinden, wie gut oder wie hochwertig die realen Eigenschaften einer Pflanze sind?
Eine für den Züchter sehr wichtige Generation ist die F2, also die erste durch Inzucht entstandene Tochtergeneration zweier Pflanzen der gleichen Sorte. Wir wissen, dass in dieser Generation vermehrt die rezessiven Merkmale zur Ausprägung kommen, die man in der F1-Linie noch nicht gesehen hat. Diese erste Inzuchtlinie ist also wichtig, um die Genetik kennenzulernen und um sie richtig einschätzen zu können. Man kann die Pflanzen der F1 mit denen der F2 vergleichen und bestimmte Muster erkennen. Produziert eine bestimmte Sorte in beiden Generationen einen sehr starken Harzbesatz, dann kann man davon ausgehen, dass es sich hierbei um eine reinerbig/dominante Eigenschaft handelt, die auch in einer neuen Kreuzung zur Ausprägung kommen würde. Sind die Unterschiede von F1- zu F2-Generation sehr groß, dann wird auch die Wahrscheinlichkeit hoch sein, dass es sich bei den Merkmalen um mischerbige Gene handelt. Stabile Sorten werden sich in einer F2 deutlich weniger aufspalten als Multi- oder Polyhybriden, die für sich genommen schon aus mehreren Grundsorten bestehen und darum auch viel mehr Phäno- und Genotypen bei der ersten Inzuchtlinie ausbilden.
Die Pflanzen aus dieser Generation zeigen sehr häufig Merkmale, die den Grundeltern entsprechen. Rezessive Merkmale müssen dabei nicht unbedingt negativ sein; es ist durchaus möglich, dass einige Eigenschaften viel besser sind als dominante Merkmale, die in der F1-Generation zur Ausbildung kamen. Aus diesem Grund ist die F2-Generation eine der wichtigsten und aussagekräftigsten Generationen, um wirklich das ganze Potenzial einer Genetik bestimmen zu können. Auch der Heterosiseffekt wird durch Gene beeinflusst. Wir haben anfangs die Arbeit mit wilden Landrassen02gesagt, dass die gesteigerte Leistung bei sortenreinen Strains höher ausfällt als bei einer Kreuzung zweier unterschiedlicher Hybriden.
Es gibt aber noch einen anderen großen Vorteil der F2: Da die Variationen in der F2 zunehmen und sich die Pflanzen teilweise stark aufspalten, kann man Pflanzen selektieren, die nahe an die eigenen Wünsche herankommen. Wir wissen, dass man oft die Grundeltern in den F2-Pflanzen erkennen kann. So kann man z. B. eine Pflanze wählen, die einem bestimmten Elternteil am meisten ähnelt. Kreuzt man diese F2-Pflanze mit dem Elternteil der P1-Generation, so erhält man wieder eine neue Pflanzenpopulation, die sich sehr homogen verhalten kann und die zum großen Teil die Eigenschaften besitzt, welche die Pflanze hatte, die man vorher selektiert hatte. Aus diesem Grund werden bei lnzuchtlinien oder Stabilisierungs-Projekten auch meist mehrere Pflanzen der F2-Generation selektiert, um diese unabhängig voneinander durch Inzucht zu vermehren. Später kann man diese wieder mit den Grundeltern oder einer späteren Inzuchtgeneration kreuzen. So wird man Stück für Stück bestimmte Merkmale fixieren können und damit die Pflanzen homogener machen. Aber seien wir ehrlich. Welcher Breeder macht sich heute noch die Arbeit, über Jahre hinweg an einer Sorte und mit mehreren Generationen zu arbeiten? Solche Projekte können auch im Indoor-Bereich Jahre dauern, und selbst hier kann es Rückschläge geben.
Die Cannabiszucht besteht nicht nur aus der Produktion von schnellen F1-Generationen, von denen man jeden Monat drei auf den Markt bringt. Jede seriöse Zucht geht weit über F1-Kreuzungen hinaus, auch wenn man dafür etwas mehr Zeit, Geduld und auch mehr Platz investieren muss — die Ergebnisse werden sich in jedem Fall lohnen.
Zum Schluss will ich noch etwas näher auf die Begriffe Phäno- und Genotyp eingehen. Wo liegen die Unterschiede und welche Form der Ausprägung ist für einen Züchter besonders wichtig?
Der Genotyp einer Pflanze beschreibt die Informationen aller Merkmale und Eigenschaften, die im gesamten Genfundus festgeschrieben sind. Das Wichtige hierbei ist, dass man ausschließlich die Gene betrachtet. Wenn man nun eine Pflanze anschaut, kann man nicht sagen, wie der Genotyp aussieht oder welche Merkmale er vorgibt. Das optische Bild beschreibt man mit dem Begriff „Phänotyp“. Wir wissen, dass äußere Bedingungen wie Licht, Temperatur, RLF, Düngermenge und vieles andere mehr das Aussehen einer Pflanze verändern können.
Ein Beispiel: Wir haben drei Stecklinge von einer Mutterpflanze geschnitten und gro-wen diese drei völlig identischen Pflanzen unter verschiedenen Bedingungen. Ein Steckling wird in ein Hydrosystem gesetzt und nach einer bestimmten Wachstumsphase am Haupttrieb beschnitten. Ein anderer Klon wird in Erde gesetzt und darf un-beschnitten weiterwachsen, aber er bekommt über den Dünger zusätzlich große Mengen Stickstoff. Der letzte unserer drei Stecklinge kommt auch in Erde, wird aber unter sehr hohen Temperaturen und schlechtem Licht gegrowt. Obwohl alle Pflanzen einen identischen Genotyp haben, werden sie am Ende des Grows völlig verschieden aussehen. Der beschnittene Steckling im Hydrosystem wird sehr schnell und auch sehr buschig wachsen, einen guten Ertrag abwerfen und auch sonst gute Eigenschaften zeigen. Der zweite Klon, der viel Stickstoff bekommen hat und auf Erde gewachsen ist, wird sehr groß werden und eher ein Haupttrieb-dominantes Wachstum zeigen. Der Ertrag wird wegen der Menge an Stickstoff eher niedrig sein. Die dritte Pflanze, die unter suboptimalen Bedingungen aufgewachsen ist, wird entsprechend kleinwüchsig sein und wenig Ertrag bringen.
Die äußeren Einflüsse sind nicht zu unterschätzen und können eine Pflanze mit einem sehr guten Genpool schlecht aussehen lassen. Ob Topfgröße, Nährstoffe, Lichtdauer oder Medium — alles hat einen Einfluss auf die äußere Pflanzenform, auch wenn diese Faktoren niemals den Genpool manipulieren können.
Jetzt werden sich viele von Euch fragen: „Wie kann ich dann überhaupt Pflanzen mit einem guten Genotyp selektieren?“, denn darum geht es ja jedem Züchter.
Auch wenn ein Genotyp verschiedene Phänos ausbilden kann, liegen beide trotzdem in einem vom Genotyp vorgegebenen Rahmen. Auch wenn wir selektieren, machen wir das normalerweise in einem Raum oder im Garten unter möglichst optimalen Bedingungen. Somit wachsen alle Pflanzen unter ziemlich identischen Bedingungen auf. Treten jetzt große Unterschiede auf, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich auch die Genotypen deutlich voneinander unterscheiden. Gibt es unter optimalen und gleichen Bedingungen sehr gute Pflanzen, dann ist es also wahrscheinlich, dass diese Pflanzen auch einen sehr guten und für die Zucht verwertbaren Genotypen besitzen.

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