Liebeskraut und Zauberpflanzen - Magische Pflanzen des Altertums | Hanfclub

Liebeskraut und Zauberpflanzen - Magische Pflanzen des Altertums

Jul 17

Der Becher des Sokrates

Verführer der Jugend. Der Schierling ist eine der ältesten und bekanntesten Giftpflan­zen der Menschheit und wurde gleichermaßen von Selbst- und Meuchelmördern wie auch von Henkern geschätzt. Durch den Schier­lingsbecher trat 399 v. Chr. der griechische Philosoph Sokrates den kalten Weg Richtung Hades an. Der berühmte Philosoph wurde 71­jährig der »Einführung neuer Götter und Ver­führung der Jugend« angeklagt und schuldig gesprochen. Wie im zivilisierten Griechen­land üblich, konnte der Angeklagte selbst eine Strafe für sich vorschlagen. Doch anstatt Reue zu zeigen,verhöhnte er seine Richter, in­dem er sogar eine Belohnung einforderte. Di­ese sprachen sie dann mit großer Mehrheit aus: Tod durch einen Becher frisch gepressten Schierling. Platon, der der Hinrichtung seines Lehrers beiwohnte, bescheinigte Sokrates in seinem Werk »Phaedon« einen »stillen und würdigen Tod« — was darauf hindeutet, dass zumindest eine weitere Pflanze dem tödlichen Getränk beigefügt wurde. Wahrscheinlich das aus dem Schlafmohn (Papaver somniferum) gewonnene Opium, denn Schierlingssaft al­lein führt zu Tobsuchtsanfällen. Auch die Rö­mer nutzten — als eine Art antiker Interpretati­on von Humanismus — den betäubenden Saft des Schlafmohns, um den qualvollen Schier­lings-Todeskampf zu erleichtern.

Wie in der griechischen Mythologie, so gilt auch in der germanischen der Schierling als Weggefährte ins Totenreich. Er gehörte zu den Zauberpflanzen Odins (Wotan), dem obersten der Asen, dem Gott der Toten, des Sturm und Donners, der Ekstase sowie der magischen und intellektuellen Fähigkeiten (so soll auch die Runenschrift eine Erfindung Odins gewesen sein). In verschiedenen euro­päischen Überlieferungen werden Kröten mit dem Schierling assoziiert. Bei den Germanen bezichtigte man die Amphibien, unter Schier­lingspflanzen ihre Giftdrüsen aufzutanken. Im Baltikum stand er in enger Beziehung zu der Erdgottheit der Krötengöttin.

Gefleckter Schierling:

Conium maculatum, Doldengewächse, Apiaceae Mäuseschier­ling, Hundspeterlein, Vogeltod, Wedendunck, Wutschierling, Würgling, Wüterich Hemlock (englisch) Gefleckter Schierling

"Mitgebracht hat die Furie auch ein grauen, haftes flüssiges Gift; Schaum vom Maul des Höllenhundes, Geifer der Echidna, schweifendes Irren, Vergessen, das den Verstand mit Blindheit schlägt, Frevel, Tränen, Raserei und Mordlust - alles ineinander gerieben; das hatte sie mit frischem Blut vermischt, im Bauch eines ehernen Kessels gekocht und mit grünem Schierling umgerührt, OVID (43 V. CHR. -17 N. CHR.) IN »METAMORPHOSEN IV«

Lustkiller

Im Mittelalter wurde der Schier­ling zu einem wichtigen Bestandteil der He­xenküche und soll in so genannten Flugsalben Anwendung gefunden haben — wahrschein­lich, weil die Schierlingsgifte von Haut und Schleimhaut Gefleckter Schierling1 besonders leicht aufgenommen werden. Während Flugsalben halluzinogene und aphrodisierende Wirkungen auslösten, hatte der Schierling in der Klosterküche, fein dosiert, genau das Gegenteil zum Zwecke. Er sollte als Antaphrodisiakum die Mönche von verderblichen Gedanken und Taten abhalten. Eine Anwendung, die wohl auf den römischen Arzt Marcellus Empiricus zurückgeht. Dieser riet zur „operationslosen Kastration von Eu­nuchen" das Pulver von Schierlingswurzeln mit Eiweiß zu vermischen und auf die Hoden aufzutragen.

"Das Kraut kann Schmerzen stillen und zum Schlaf verhelfen." HIERONYMUS BOCK 1498-1554)

Obwohl der Schierlingssaft eine große Zahl hochwirksamer Drogen enthält, wurde er nie zu einer klassischen Heilpflanze. Dazu war er zu giftig und schlecht beleumundet. Im al­ten Rom sollen sich die Frauen aus Schier­ling Schönheitsmittel zubereitet haben, die ihre Haut glätteten und den Busen strafften. Hildegard von Bingen und Hieronymus Bock empfahlen ihn zur Schmerzbehandlung bei Knochenbrüchen. Noch im 1. Weltkrieg ver­wendeten Feldärzte Gefleckten Schierling oder Blauen Eisenhut als Narkosemittel, be­sonders um Amputationen durchzuführen. Seit dem Siegeszug der Opiate und schließlich der künstlichen Narkotika hat der Schier­ling auch dabei ausgedient und die moderne Schulmedizin kennt ihn lediglich noch in eini­gen Salben gegen Entzündungsschmerzen.

Stab des Dionysos

Efeu:

Hedera helix, Efeugewächse, Araliaceae, Epich, Ivy (englisch), Dionysos (griechisch)

"Der Efeu verwirrt den Sinn, reinigt, zu reichlich getrunken, den Kopf; innerlich genommen, schadet er den Nerven, Liebeskraut und Zauberpflanzen1 ist aber bei äußer­licher Anwendung eben diesen Nerven zuträg­lich. Als Getränk wirken alle Efeuarten harn­treibend, lindern den Kopfschmerz, besonders im Gehirn. Die Beeren, die einen safranfar­benen Saft haben, geben, als Trank vorher ge­nommen, sicheren Schutz vor einem Rausch." PLINIUS (23-79 N. CHR.) IN »NATURALIS HI­STORIA«

Rausch ohne Weingenuss. Der Efeu ist eine alte Heil- und Zauberpflanze, die mit dem griechischen Dionysos-Kult, der an anderer Stelle beschrieben wird, in engem Zusammen­hang steht. Dioskurides kennt drei Efeuarten, wobei der wertvollste, im Mittelmeerraum ge­deihende, nach Dionysos persönlich benannt wurde. Weder die botanische Herkunft noch die Zahl der Arten und Unterarten der immer­grünen Kletterpflanze ist bis heute vollstän­dig geklärt, doch geht die Wissenschaft inzwi­schen von zwei europäischen Efeuarten aus. Manche Forscher halten den psychoaktiven »Efeu des Dionysos« für die in Zentralasien und Nordindien vorkommende Art Hedera ne­palensis. Nach Plinius verwirrt der Efeu zwar die Sinne, bietet aber dennoch Schutz vor allzu heftigem Rausch. Um sicherzugehen, nahmen die Teilnehmer der ekstatischen hellenischen Dionysos- und römischen Bacchus-Rituale (Bacchanalien) neben großen Mengen Wein nicht nur efeuhaltige Getränke zu sich, sie trugen auch Efeu- und Lorbeerkränze um ihre Häupter.

Der griechische Philosoph, Orakel­priester und Platonschüler Plutarch (46-125 n. Chr.) warnte eindringlich vor dem Efeu, der gewalttätige Geister enthalte, Besessenheit, Tobsuchtsanfälle und einen »Rausch ohne Weingenuss« auslöse. Mit Wein vermischt er­zeuge die Pflanze ein Delirium, welches sonst nur das Bilsenkraut zu erzeugen vermag. Dies schien auch den europäischen Hexen bekannt gewesen zu sein, denn Efeu gehörte zu den Bestandteilen magischer Gebräue und Flug­salben. Sie nannten das häufig vorkommende Gewächs Epich.

Efeu in der Naturheilkunde

Die anti­ke griechische Medizin schätzte den Efeu bei der Empfängnisverhütung und der Geburtshil­fe. Dioskurides empfahl Vaginalzäpfchen aus Efeusamen nach der Periode, um Unfruchtbar­keit zu erzeugen, und vorher, um die Menstru­ation auszulösen. Auch heute gilt der Efeu als ein wirksames Naturheilmittel. Die von der botanischen Literatur allgemein als »schwach giftig« eingestufte Pflanze enthält Saponine, Gerbstoffe, das Glykosid Hederin, organische Säuren und Jod. Die Inhaltsstoffe beeinflus­sen die Herztätigkeit und Durchlässigkeit der Gefäße. Die Behandlung von Herzkrankheiten mit Efeu-Drogen unterliegt daher ärztlicher Kontrolle. Efeu-Tees helfen bei Entzündungen der Atemwege und unterstützen die Arbeit von Leber und Galle. Die Homöopathie setzt die Pflanze zur Behandlung von Schilddrüsen­überfunktion und Asthma ein.

Schaum der flüssigen Jade

Teestrauch:

Camellia sinensis, Teegewächse, Theaceae, Teebaum, Tea Plant (englisch), Caha (sans­krit), Cay (hindi), Têyilai (tamil), Meyila (ma­laiisch), Châ'î sabz (persisch)

"Der Geist des Tees ist wie der Geist des Tao; er strömt spontan, wandert hierhin und dorthin und widersetzt sich jedem Zwang. " JOHN BLOFELD IN »DAS TAO DES TEETRIN­KENS«, 1986

Kostbarer Tau

Der Teestrauch ist im in­dischen Bundesstaat Assam heimisch, von wo er seinen Siegeszug um die Erde antrat. Vornehmlich buddhistische Priester sorgten dabei für die Verbreitung des belebenden Getränks. Nach einer Legende soll sich einst Bodhidarma, ein Jünger Buddhas, die Augen­lider abgeschnitten haben, um beim Teestrauch Meditie­ren nicht zu ermüden. Aus den weggeworfenen Lidern wuchs eine Pflanze, „der die Kraft inne­wohnt, den Schlaf zu vertreiben". Im Jahr 519 n. Chr. soll der Apostel den Teestrauch nach China gebracht haben, wo er als »Schaum der flüssigen Jade« zuerst von buddhistischen und taoistischen Mönchen als Mittel zur Me­ditation und sexuellen Stimulation benutzt wurde. Die Verbreitung als Genussmittel des kleinen Mannes erfolgte in China dagegen nur zögerlich. Arabische Reiseberichte des 9. Jahrhunderts sprechen zwar von einer Pflan­ze namens Sâkh, die in den Städten Chinas teuer verkauft und deren Aufguss sowohl als Getränk wie als Heilmittel eingenommen wer­de, aber selbst der venezianische Globetrot­ter Marco Polo, von 1271-1292 auf China-Rei­se, erwähnt in seinen ansonsten sehr präzisen Berichten aus dem Reich der Mitte den Tee mit keinem Wort.

Im asketischen Gepäck eines anderen Reisen­den, des buddhistischen Mönchs Saichô, er­reichten die ersten getrockneten Teeblätter um 800 n. Chr. Japan. Tee wurde als »kost­barer Tau« gefeiert und galt als wundersames Verjüngungs- und Potenzmittel. Die japa­nische Teekultur, der »Weg des Tees« (Cha­no-yu), entstand. Der gemeinschaftliche Tee­genuss wurde ritualisiert und spiritualisiert. Man traf sich an einem angenehmen Ort, dem Teehaus, wo ein spezieller Zeremonienmeister das Getränk zu­bereitete und ausschenkte. Der Teemeister galt als ein philo­sophischer Führer, die Zubereitung und das Trinken des Tees wurden zu einer heiligen Handlung, bei der sich „Gastgeber und Gast zusammenfanden, höchste Glückseligkeit zu schaffen ...

"Teeismus ist die Kunst, Schönheit zu verhüllen, um sie zu entde­cken, und etwas anzudeuten, was man nicht zu enthüllen wagt. Er ist das feine Geheimnis, leise und doch unergründlich über sich selbst zu lachen, und ist somit gute Laune selbst — das Lä­cheln der Philosophie." So der japanische Schriftsteller Kakuzo Okadura, der in seinem Werk »Das Buch vom Tee« resümierend feststellt: „Der Tee ist die Religion der Lebenskunst."

Tee erreicht Europa

Nach Europa gelangte der Tee im Jahre 1610 durch holländische Kaufleute, die ihn von Japan nach Amsterdam brachten. Die erste europäische Beschreibung der psychoaktiven Wirkung des Tees findet sich im Reisebericht des Johan Neuhof von 1655-1657, der das exotische Getränk als geistiges und körperliches Wundermittel preist: „Die Krafft und Wirckung dieses Trancks ist, dass er den unmäßigen Schlaf ver­treibet; insonderheit aber befinden sich gantz wol darnach die jenigen, welche den Magen mit Speise überladen und das Ge­hirn mit starckem Geträncke beschweret haben: denn er trun­cknet und nimbt weg alle übrige Feuchtigkeit und vertreibet die aufsteigenden Dünste oder Nebel so den Schlaf verursachen; er stärcket die Gedächtnus und schärffet den Verstandt."

"Ihr Saiten tönet sanft und leise Vom leichten Finger kaum geregt! Ihr tönet zu des Zärtsten Preise, Des Zärtsten, was die Erde hege, In Indiens mythischem Gebiete, Wo Frühling ewig sich er­neut, O Tee, du selber eine Mythe, Verlebst du seine Blütenzeit. " LUDWIG UHLAND (1787-1862)

Im 17. Jahrhundert begannen britische und holländische Han­delsgesellschaften, Teeblätter nach Europa zu schaffen. Sie waren anfangs so exquisit und kostbar, dass die Königin von England von der Ostindischen Kompanie zwei Pfund geschenkt bekam. Ein neues Genussmittel hatte Europa erreicht und sei­ne Verbreitung folgte auch vor über 30o Jahren den Gesetzen des Marktes und der menschlichen Sehnsucht nach geistbe­wegenden Mitteln und Substanzen. Die Teehändler ergriffen die sich bietende Chance und importierten den Tee aus den indischen Kolonien in solchen Mengen, dass er mehr und mehr erschwinglich und schließlich zum Nationalgetränk der Briten wurde. In Deutschland bürgerte sich das Teetrinken — wohl mangels entsprechender Kolonien — erst Anfang des 19. Jahrhunderts ein.

Heute ist der Tee eines der verbreitetsten Ge­nussmittel überhaupt und wird in der ganzen tropischen Welt angebaut, wobei die größten Mengen aus den traditionellen Anbauländern Indien, China, Sri Lanka, Indonesien, Japan oder auch Kenia stammen. Der im indischen Assam heimische Teestrauch (Camellia sinen­sis) ist heute eines der verbreitetsten Genussmittel!

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