Jamaika Mike | Hanfclub

Jamaika Mike

Jul 17

Mittlerweile war das Jahr 2002 angebrochen und mein Bruder Philipp bei mir. Gleich am zweiten Tag seines Urlaubs erhielten wir morgens unerwarteten Besuch. Philipp war sehr früh mit dem Fahrrad zum Kiosk gefahren. Das Tor stand danach sperrangelweit auf. Ein Polizeiwagen bog in die Einfahrt meines Grundstücks und fuhr direkt bis zum Haupthaus vor. Wäre das Tor verschlos­sen gewesen, hätten die beiden Polizisten das Grundstück nicht betreten dürfen, doch so war die offene Pforte wie eine offizielle Einladung für sie. Ich befand mich zu diesem Zeitpunkt noch mit meiner neuen jamaikanischen Freundin Tamica im Bett, während Philipp draußen auf der Veranda alles für das Frühstück vorbereitete ... Jamaika Mike1
Durch die Korruption ist allerhand in Jamaika möglich, doch eins sollte man auf gar keinen Fall machen, einen Polizisten anlügen! Aus dem Polizeiwagen stiegen zwei Beamte aus und schritten schnurstracks auf meinen Bru­der zu. Man suche nach mir. „Wo ist der Ei­gentümer des Grundstücks?", wollte der Be­amte wissen. „Der ist gerade auf Geschäftsreise in Deutsch­land", log Philipp. Ungläubig starrten beide Officer meinen Bruder an. Sie betraten die Veranda des Hauses und fingen an, sich ge­nauer umzusehen. Als die beiden von meinem Bruder verlangten, das zweite Zimmer aufzu­schließen, zogen Tamica und ich uns schnell etwas über und machten uns bemerkbar. Ich öffnete die Türe und sah Mr. Miller und einen in Zivil gekleideten Detective vor mir. Mr. Miller, dem ich schon etliche Scheinchen zugesteckt hatte, damit er mir meine Aufent­haltsgenehmigungen ein ums andere Mat ver­längert, ließ überhaupt nicht mit sich reden. Er verlangte meinen Reisepass. Erst als er die gewünschten Papiere in der Hand hielt, wur­de er ein wenig umgänglicher. Er hätte ein Amtshilfeersuchen der deutschen Kripo vor­liegen und würde mich auf direktem Wege in den Knast stecken. Ich erzählte Mr. Miller von einem Landsmann, der gerade im Begriff sei, einen jamaikanischen Reisepass für mich zu besorgen. Ich glaube, jedem deutschen Bul­len hätte das noch mehr Anlass zur sofortigen Verhaftung geboten. Nicht so bei Mr. Miller; er wurde jetzt noch umgänglicher und fragte mich, warum ich nicht gleich wegen dem Pass zu ihm gekommen sei. Der andere Detective verpasste mir Handschellen und verfrachtete mich ins „Radio-Car", wie die Jamaikaner die Autos der Polizei nennen. Noch heute sehe ich den total verzweifelten Blick meines Bruders. Ich legte mir eine Stra­tegie zurecht, wie ich vielleicht doch noch aus der ganzen Situation rauskommen könnte und fragte, als wir im Wagen saßen, in die Runde: „Sagt mal, was haben euch die Deutschen überhaupt versprochen?" Ungläubig drehten sich beide Polizisten zu mir nach hinten um. „Was meinst du?", wollte Miller wissen. „Ist das nur eine Höflichkeit unter Kollegen oder bekommt ihr dafür Geld oder eine Prämie zu­gesteckt?", fragte ich weiter. Ich hatte mich mit den einzelnen Strafverfolgungsbehörden der für mich relevanten Länder beschäftigt und ich wusste, wie die einzelnen Vereine ar­beiten. Nur die DEA und das CIA hätten viel­leicht die Jamaikaner mit Geld gelockt, um sie dazu zu bewegen, einen Verbrecher aus­zuliefern. Alle anderen setzen auf Amtshil­feersuchen, was mit keinerlei finanzieller Unterstützung verbunden ist. Kein deutscher Richter oder Staatsanwalt würde deutsche Steuergelder dafür freigeben. Der abgelau­fene Reisepass und die Anfrage an die Jamai­kaner, mich doch bitte zu suchen, war quasi der letzte Versuch, meiner Person doch noch habhaft zu werden. Ansonsten hofft die Le­gislative darauf, dass man so dumm ist und irgendwann selber mit seinem Ausweis nach Deutschland einreist ... so wie es Anja ge­macht hatte. „Nein, bis auf ein Dankschreiben werden wir nichts von deinen Landsleuten be­kommen", antwortete mir Mr. Miller. „Könnt Ihr euch denn vielleicht vorstellen, dass ihr etwas in einer Hand haltet und dadurch das Schreiben in der anderen Hand komplett ver­gesst?", wollte ich weiter wissen. „Von was genau reden wir hier?", wollte der andere Bulle jetzt wissen. Ich musste höllisch vor­sichtig sein. Natürlich gibt es überall in Jamai­ka Korruption, aber das heißt nicht, dass alle Polizisten korrupt sind. Bei Mr. Miller wusste ich Bescheid, aber sein Kollege war äußerst schwierig einzuschätzen. Ich versuchte es er­neut. Wieder drehten sich beide Beamte fast gleichzeitig zu mir um und wieder antwortete der Detective: „Ist schon klar, also von was reden wir hier genau?" „Wie wäre es mit 500 US-Dollar?" „That's only pocket money (das ist nur Taschengeld!)", kam postwendend als Antwort. „Okay, an was habt ihr denn so ge­dacht?", fragte ich. „Minimum 2000 US-Dol­lar, sonst läuft gar nichts!" „Autsch, so viel kann ich nicht auftreiben. Wie wäre es denn mit 50o US-Dollar für jeden von euch?" ver­suchte ich es weiter. Der Detective meinte je­doch, dass 2000 US-Dollar ein kleiner Preis für meine Freiheit wären. Schlussendlich mischte sich Mr. Miller ein und sagte, 50o US-Dollar pro Nase wären erstmal genug. Mittlerweile hatte der Polizeiwagen gestoppt und beide Beamte fixierten mich mit eindring­lichem Blick: „Okay, bis wann kannst du das Geld auftreiben?", wollte Mr. Miller wissen. „Das Geld könnt ihr sofort haben, wenn ihr wollt", antwortete ich. Ungläubig starrte mich der Einwanderungsbeamte an und fragte dann: „Wo genau müssen wir denn dann hin­fahren?" „Nur zum Grundstück zurück", antwortete ich wahrheitsgemäß. „Aber wir haben doch alles im Haus komplett durchsucht", meinte Mr. Miller vorwurfsvoll. „Na ja, an­scheinend nicht komplett genug!", sagte ich grinsend. Miller schüttelte seinen Kopf, zau­berte ein Breitmaulfrosch-Lächeln auf sein Gesicht und murmelte nur: „Tsss, tsss Mikey, you are a real tough motherfucker, simply in­credible", was man in diesem Fall durchaus als Kompliment ansehen konnte. Als der Wagen wieder in die Einfahrt meines Grundstücks bog, hatte man mir schon meine Handschellen abgenommen. Ich gab Mr. Mil­ler die 1000 US-Dollar in die Hand. Jetzt sah man auch ansatzweise ein Lächeln um die Mundwinkel des Detectives. „Was passiert jetzt genau?", wollte ich von unserem Beam­ten wissen. „Nun, ich werde den Deutschen mitteilen, dass wir trotz intensiver Suche keinen Mi­chael Weigelt hier in Jamaika gefunden ha­ben. Für uns ist die Sache erledigt." Er hielt mir noch seine ausgestreckte Faust zur Verab­schiedung hin und nickte dann seinem Kolle­gen zu, der den Wagen startete und gemäch­lich vom Grundstück fuhr. Was mich immer an der Korruption von Ja­maika fasziniert, ist die korrekte Vorgehens­weise der Beamten. Rein theoretisch hätten sich die beiden auch die 1.000 Dollar einste­cken und mich trotzdem den deutschen Be­hörden ausliefern können. Auch wenn man in Jamaika mit dem Auto in eine Kontrolle ge­rät und die Polizisten illegale Drogen finden, geben sie einem diese nach der Bezahlung eines kleinen Schmiergeldes wieder zurück. Es wäre ja möglich, in einer anderen Kontrolle wieder angehalten zu werden und die Kolle­gen können mit Sicherheit auch ein wenig zu­sätzliches Geld gebrauchen ... Ich erklärte Philipp, was auf unserer kleinen Autofahrt alles passiert war. Obwohl es noch relativ früh am Tag war, bauten wir uns erst­mal ein riesiges Tütchen auf den Schock, wo­bei das Mischungsverhältnis von Tabak zu Gras etwa bei eins zu vier lag. Die Welt war wieder in Ordnung und der Rest des Urlaubs sollte ohne Komplikationen verlaufen. Ohne Komplikationen stimmt jedoch nicht so ganz. Was man mit jamaikanischen Ordnungshütern durchaus erleben kann, zeigt die Geschichte, die sich kurz darauf zutrug: Zusammen mit meinen Rastakumpels Tay und Jackie hat­ten wir eine kleine Ganja-Plantage im Urwald angelegt. Nach einer Ernte wollte Tay einen ganzen Sack mit abgeernteten Blüten zum Yard bringen. Dabei lief er blöderweise ei­ner Polizeistreife direkt in die Arme. Die Cops nahmen ihm den Sack ab, verhafteten ihn und brachten ihn zur nächsten Polizeistation. Tay war spurlos verschwunden. Als er auch nach Stunden nicht auftauchte, entschlossen wir uns, zur besagten Polizeistation zu gehen um nachzufragen, ob man dort Näheres weiß und falls nicht, um eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Als ich mit Jackie dort ankam, war der Eingangsbereich leer. Wir hörten al­lerdings aus einem Büroraum immer wieder Gelächter. Als sich auch nach einer ganzen Weite niemand blicken ließ, entschlossen wir uns, zu dem Raum zu gehen. Ich klopfte sach­te an. Nach einer gefühlten Ewigkeit riss ein leicht irritiert dreinblickender Bulle die Tür auf. „Guten Tag, wir möchten vielleicht eine Vermisstenanzeige aufgeben", sagte ich. „Wo können wir das machen?" fragte ich, nachdem der Mann einfach nur starr und reglos stehen blieb. „Wo Sie wollen ...", prustete der Bulle unvermittelt los und konnte sich kaum noch vor Lachen halten. Das war ja mal ein witziges Revier, dachte ich mir. Jetzt brauchen wir mal behördliche Hilfe und die lachten sich kaputt! Kaum zu glauben. „Hm, kommt doch einfach reinspaziert ... hicks ... hier ist immer was los! Hicks ... Partytime!" Ich dachte, ich hör nicht recht. Der Cop war schwer besoffen. Die Tür zum Büro flog auf und was wir dann sahen, toppte einfach al­les. In der Mitte des Raumes stand ein rie­siger Tisch, daneben der Sack mit unserem Ganja, auf einem Stuhl noch ein anderer But­le, der sich gerade Rum in ein Glas schüttete und daneben Tay!!! Unser Freund war so sto­ned, dass er kaum noch aus den Augen gu­cken konnte! Er saß zwar, fiel aber fast vom Stuhl und rief uns zu: „Ey Mike', hey Jac ... Jack ... Jackie..., guys alles cool ..." Eine skur­rilere Situation hatte ich bis dahin noch nicht gesehen. Zwei völlig besoffene Bullen, ein be­kiffter Rasta in einer Polizeistation auf Jamai­ka! Die Runde schien schon eine Weile zusam­menzuhocken. „Mensch Tay, wir müssen jetzt aber wirklich zurück. Pack Deine Sachen und lass uns gehen", rief ich ihm zu. Tay verstand scheinbar gar nichts mehr. Stattdessen mein­te der Bulle: „Das geht so aber nicht einfach gehen", er schüttelte übertrieben mit dem Kopf. „Erst mal müssen wir den Sack noch checken!", stammelte er. Er schmiss ihn auf den Tisch und schüttete den ganzen Inhalt auf die Platte. Dabei wankte er bedenklich. Dann stopfte er wieder knapp die Hälfte der Blüten in den Sack zurück und reichte ihn Tay. „So, jetzt sind wir quitt, mein Freund!" Die beiden Bullen guckten sich an und lachten, was das Zeug hielt. Erst am nächsten Tag, als Tay wieder halb­wegs nüchtern war, konnten wir ihn »ver­nehmen«. Er erzählte uns davon, dass er den beiden in die Arme gelaufen war, aufs Re­vier mitgenommen wurde, jedoch die dortige Mannschaft wegen irgendeinem größeren Einsatz ausrücken musste. Das übrig geblie­bene, verrückte Trio blieb im Haus, man be­gann ihn zu verhören und dabei stellte sich heraus, dass ein Bulle um drei Ecken mit Tay verwandt ist. Darauf stieß man an, drehte zig Spliffs und was daraus werden kann, hatten wir live erlebt! Dies ist der letzte Teil unserer Jamaika-Mike­Reihe. Wer erfahren möchte wie die Story endet, kann sich das Buch »Jamaika-Mike« von Micha­el Weigelt auch auf unserer Homepage (www. grow.de) oder per Postkarte an die redAktion, Stichwort: „Jamaika Mike", für 14,90 Euro Vor­kasse bestellen (Bankverbindung-siehe Impressum, Seite 3).

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