Cannabis, psychotische Erfahrungen und Psychosen | Hanfclub

Cannabis, psychotische Erfahrungen und Psychosen

Jul 17

Die Frage, ob Cannabis Psychosen bzw. schizophrene Psychosen auslösen kann, wird seit langem kontrovers diskutiert. Das möglicherweise erhöhte Risiko ist einhäufig angeführtes Argument für die Gefahren des Cannabiskonsums. Es interessiert daher die Öffentlichkeit, die Politik, Ärzte und die Konsumenten. Jüngst wurden die Ergebnisse einer großen Studie aus Deutschland im Bri­tish Medical Journal veröffentlicht und von den Medien mit dem Tenor »Cannabis vergrößert das Risiko für Psychosen« aufgegriffen. Insgesamt konnten 1.923 Personen aus der allgemeinen Be­völkerung im Alter von 14 und 24 Jahren in die Analyse einbezogen werden. Der Cannabiskonsums und das Auftreten psychotischer Erfahrungen wurden zu drei Zeitpunkten bestimmt, zu Be­ginn der Studie (Zeitpunkt 1), nach 3,5 Jahren (Zeitpunkt 2) sowie nach 8,4 Jahren (Zeitpunkt 3). Das wichtigste Ergebnis der Studie war die Beobachtung, dass Personen, die zu Studienbeginn (Zeitpunkt 1) weder Cannabis konsumierten noch psychotische Symptome aufwiesen, jedoch zum Zeitpunkt 2 Cannabis konsumierten, zum Zeitpunkt 3 ein etwa doppelt so hohes Risiko für das Auftreten psychotischer Erfahrungen wie Teilnehmer, die kein Cannabis konsumiert hatten, auf­wiesen. In diesem Artikel möchte ich die Studie näher vorstellen, so dass ihre Bedeutung für das Psychoserisiko verständlich wird.

Was sind Psychosen?

Der Begriff Psychose bzw. psychotische Störung fasst eine Vielzahl psychischer Erkrankungen zusammen, die meist durch Realitätsverlust und Verhaltensänderungen gekennzeichnet sind. Organische und schizophrene Psychosen bilden Untergruppen der psychotischen Störungen. Charakteristisch Symptome von psychotischen Störungen sind Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Im Gegensatz zu Neurosen sind Psychosen durch eine starke Identitätsstörung gekennzeich­net. Während der Neurotiker in Anlehnung an Asterix und Obelix beispielsweise den Ein­druck hat, als ob ihm der Himmel oder die De­cke auf den Kopf fallen könnte, können inne­re Stimmen dem Psychotiker Dinge mit einer Deutlichkeit einreden, dass diese für ihn zur Realität werden. Ein Zeichen von Psychosen ist die fehlende Einsicht in den eigenen Gei­steszustand. Aufbau der Studie Die Teilnehmer an der Studie wurden im Jahre 1994 zufällig aus den Unterlagen der Einwoh­nermeldeämter von München und Umgebung ausgewählt und kontaktiert. Sie umfassten Personen, die zwischen dem 1. Juni 1970 und dem 31. Mai 1981 geboren waren und die deutsche Staatsbürgerschaft besaßen. Der Zeitpunkt 1, also die Zeit der Aufnahme der Teilnehmer in die Untersuchung, umfasste 6 Jahre, da die Gespräche mit einer großen Zahl von Teilnehmern mehrere Jahre Zeit in Anspruch nahmen. Durchschnittlich 3,5 Jah­re nach der Aufnahme in die Studie erfolgte der zweite Kontakt, durchschnittlich 8,4 Jah­re nach Zeitpunkt der dritte Kontakt. Die Teilnehmer wurden zu allen drei Zeitpunk­ten mittels standardisierter Interviews durch klinische Psychologen befragt. Cannabis-konsum wurde definiert als fünfmaliger oder häufigerer Cannabiskonsum. Die Frage zum Cannabiskonsum lautete daher zum Studien­beginn »Haben Sie jemals fünfmal oder öfter Cannabis konsumiert?«, zu den Zeitpunkten 2 und 3 »Haben Sie seit der letzten Befragung fünfmal oder häufiger Cannabis konsumiert?« Die Intensität wurde auf einer Skala von 1 bis 5 von weniger als einmal im Monat bis nahezu täglich differenziert.

Um das tatsächliche Auftreten psychotischer Symptome nach Cannabiskonsum zu erfas­sen, wurden alle Personen, die zum Zeitpunkt 2 psychotische Symptome aufwiesen (ins­gesamt 574 Personen, 23 Prozent), von der Studie ausgeschlossen. Zudem wurden alle Personen, die zu Studienbeginn Cannabis konsumierten, ausgeschlossen, sodass nur Personen mit neuem Cannabiskonsum zwi­schen Studienbeginn und Zeitpunkt 2 in die Studie aufgenommen wurden.

Ergebnisse der aktuellen Studie

Insgesamt nahmen 2210 Personen an der letz­ten Befragung zum Zeitpunkt 3 teil. Da von 287 Teilnehmern einzelne Informationen zum Can­nabiskonsum oder zu psychischen Störungen fehlten, gelangten insgesamt 1923 Teilneh­mer in die Auswertung, von denen etwa die Hälfte Männer (48 Prozent) und die zu Beginn der Studie (Zeitpunkt 1) durchschnittlich 18,3 Jahre und am Ende der Studie (Zeitpunkt 3) durchschnittlich 26,6 Jahre alt waren.

Zum Zeitpunkt 2 konsumierten 392 Teilneh­mer (20 Prozent) Cannabis. Sie hatten also nach Beginn der Studie mit dem Konsum begonnen. Das Auftreten psychotischer Er­fahrungen nach dem Zeitpunkt 2 wurde zum Zeitpunkt 3 bei 231 Teilnehmern (12 Prozent) festgestellt. Das Risiko für das Auftreten sol­cher Erfahrungen war bei den Cannabiskonsu­menten um den Faktor 1,9 vergrößert, also na­hezu verdoppelt. Diese Erhöhung des Risikos bestand unabhängig von Geschlecht, Alter, Traumata in der Kindheit, Leben in der Stadt oder auf dem Land, sozioökonomischem Sta­tus und der Verwendung anderer Drogen. Cannabis, psychotische Erkrankungen und Psxchosen

Psychotische Symptome bzw. Erfahrungen und Psychosen

In der Studie wurde nicht der Zusammenhang zwischen dem Cannabiskonsum und Psycho­sen untersucht, da Psychosen viel zu selten sind. In einer großen amerikanischen Studie traten affektive Psychosen (Schizophrenien) im Verlauf des gesamten Lebens bei o,2 Pro­zent aller Teilnehmer aus der Allgemeinbe­völkerung auf. Das bedeutet, dass 2 von 1000 Personen im Laufe ihres Lebens mit dem Aus­bruch einer Schizophrenie rechnen müssen. Für alle Psychosen, darunter Schizophrenie, schizoaffektive Störung, manisch-depressive Erkrankung (bipolare Störung) und endogene Depression, wurde eine Häufigkeit von 0,7 Prozent ermittelt. Hätte man sich in der Studie auf die Ermittlung von Psychosen beschränkt, so wären vermutlich in den wenigen Jahren des Untersuchungszeitraums nur sehr wenige Fälle aufgetreten, so dass eine sinnvolle stati­stische Analyse nicht möglich gewesen wäre. Psychotische Erfahrungen sind dagegen ver­gleichsweise häufig.

Ursachen psychotischer Erfahrungen

Eine große Zahl normaler Menschen hat in ih­rem Leben schon einmal Stimmen gehört, be­sonders während Stressperioden (z. B. nach einer Trennung oder einem gewaltsamen To­desfall). Weitere mögliche Ursachen für psy­chotische Erfahrungen sind Schlafmangel, hohes Fieber, der Konsum von Alkohol oder Drogen (Amphetamine, Cannabis) sowie die Einnahme bestimmter Medikamente (z. B. Steroide) oder das abrupte Absetzen von Al­kohol, Drogen oder Medikamenten. Neben dem Hören von Stimmen können Bilder und Visionen auftreten oder ein Geschmack bzw. ein Geruch ohne offensichtliche Ursache. Beispiele sind das Gefühl, dass Insekten un­ter der Haut krabbeln, oder ein Geruch, den andere nicht wahrnehmen. Solche psycho­tischen Erfahrungen werden Halluzinationen genannt.

Psychotische Erfahrungen sind normalerwei­se vorübergehende Phänomene, können je­doch auch länger (einige Tage bis Wochen) bestehen bleiben und sich zu einer psycho­tischen Erkrankung entwickeln, wenn zusätz­liche Risiken bestehen. Nach Auffassung der Autoren bestätigt ihre Studie, dass Cannabis ein solcher Risikofaktor ist, der das Risiko für das Auftreten psychotischer Erfahrungen und bei anhaltendem Konsum auch das Risiko für das Andauern solcher Erfahrungen erhöht.

Übereinstimmung mit früheren Studien

In früheren Studien wurden ebenfalls erhöhte Risiken für die Entwicklung psychotischer Symptome bzw. von Psychosen durch Can­nabiskonsum ermittelt, wie in der aktuellen Studie im Allgemeinen etwa eine Verdoppe­lung gegenüber Nichtkonsumenten. In einem Kommentar erfahrener australischer Wissen­schaftler zur aktuellen Studie heißt es, dass die aktuellen Ergebnisse gegen andere Er­klärungsmöglichkeiten für einen häufigeren Cannabiskonsum bei psychotischen Personen sprechen, beispielsweise die Theorie, dass die Betroffenen ihre Symptome durch Canna­bis zu lindern suchen, die so genannte Selbst­medikationshypothese. Im Lichte dieser Er­gebnisse und denen früherer Studien »ist es wahrscheinlich, dass Cannabiskonsum den Ausbruch von Schizophrenien bei Personen, die wegen einer persönlichen oder famili­ären Vorbelastung empfindlich dafür sind, be­schleunigen kann«.

Das Risiko für die Entwicklung einer Psycho­se ist also bei Cannabiskonsumenten moderat mit einer Zunahme von etwa 7 pro woo auf 14 pro woo bei regelmäßigem Konsum erhöht. Es könnte allerdings deutlich höher sein, wenn weitere Risikofaktoren für die Entwick­lung einer Psychose vorliegen, beispielswei­se eine genetische Vorbelastung, die daran erkannt werden kann, dass ein naher Ver­wandter an einer Psychose erkrankt ist. Es ist bekannt, dass eine genetische Vorbelastung häufig eine Rolle spielt, auch wenn bisher kein Gen für diese Erhöhung des Risikos für Psychosen ermittelt werden konnte.

Vorbeugung von Psychosen

Es ist wichtig, Jugendliche mit Fakten zu die­sem Thema zu informieren. Insbesonde­re, wenn weitere Risikofaktoren vorliegen, kann ein regelmäßiger Konsum im Einzelfall schwerwiegende Folgen haben.

Im letzten Jahr haben sich britische Wissen­schaftler mit der Frage befasst, wie viele Personen ohne weitere Risikofaktoren den Cannabiskonsum einstellen oder reduzie­ren müssten, um einen Fall von Schizophre­nie bzw. Psychose zu verhindern. Dabei ha­ben Sie die besten verfügbaren Daten für die Häufigkeit der Schizophrenie bzw. Psycho­sen und die Häufigkeit starken und geringen Cannabiskonsums verwendet und sind davon ausgegangen, dass Cannabiskonsum Schizo­phrenien verursacht. Sie fanden heraus, dass die Anzahl an Personen, die einen starken Cannabiskonsum einstellen müssten, um ei­nen Schizophrenie-Fall pro Jahr zu verhin­dern, bei den Männern je nach Alter zwischen durchschnittlich 2800 und 4700 und bei den Frauen zwischen durchschnittlich 5470 und 10.078 liegt. Die entsprechenden Zahlen für alle Psychosen sind durchschnittlich 1360 bei den Männern und 2480 bei den Frauen. Die durchschnittliche Zahl an Gelegenheitskon­sumenten, deren Konsum eingestellt werden müsste, um einen einzigen Fall von Schizo­phrenie oder Psychose pro Jahr zu verhindern, sei etwa vier bis fünf Mal größer als bei starken Konsumenten. In ihrer Schlussfolge­rung schreiben diese Autoren, dass die »Be­deutung der Vorbeugung des Cannabiskon­sums für die Reduzierung der Schizophrenie oder Psychosen unklar bleibt«. Es sollte un­tersucht werden, »welche Strategien die wirk­samsten sind, um starken Cannabiskonsum bei jungen Menschen zu reduzieren«.

Schlussfolgerungen

Die aktuelle Studie unterstützt die Annahme, dass es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und der Entste­hung von Psychosen gibt, auch wenn die Stu­die aus methodischen Gründen nicht die Häu­figkeit von Psychosen, sondern der wesentlich häufigeren psychotischen Erfahrungen unter­suchen konnte. Es handelt sich um eine mo­derate Risikoerhöhung, sodass viele Tausend Jugendliche vom Cannabiskonsum und ins­besondere von einem starken Konsum abge­halten werden müssten, um wenige Fälle von Schizophrenie und anderen Psychosen zu ver­hindern.

In ihrem Kommentar erinnern die austra­lischen Wissenschaftler daran, dass der Zu­sammenhang zwischen Cannabiskonsum und Psychosen die Entscheidung der britischen Regierung aus dem Jahr 2008 beeinflusst hat, die Strafen für Cannabisbesitz wieder zu ver­schärfen, »trotz Erkenntnissen, nach denen die Aufhebung solcher Strafen nur einen klei­nen oder nicht nachweisbaren Effekt auf die Konsumraten hat«. Und weiter heißt es: »Eine informierte Cannabispolitik sollte nicht nur auf den Schäden, die mit dem Cannabiskon­sum verbunden sind, basie­ren, sondern auch auf den Schäden, die durch eine Sozialpolitik verursacht werden, die versucht, von seinem Konsum abzuschrecken, beispielsweise durch strafrechtliche Verfolgung von Besitz und Konsum«.

Von Dr. med. Franjo Grotenhermen

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