Mystik - Gärten der Erkenntnis | Hanfclub

Mystik - Gärten der Erkenntnis

Jul 16

War Moses ein Kiffer? Chassiden und Kabbala - Die Mystiker im Judentum

Vor ungefähr zwei Jahren titelten die Medien: »Moses war gedopt«, konnte man in der Süddeut­schen Zeitung lesen. »Moses' brennender Dornbusch: Eine Drogenvision ?«, fragte der Wiener Standard. »Moses unter Drogeneinfluss«, will die Welt wissen. Anlass für diese Schlagzeilen war ein im britischen Magazin Time and Mind veröffentlichter Arti­kel von Benny Shanon vom Psychologischen Institut der Hebräischen Universität in Jerusalem. Da­rin geht der israelische Professor der Frage nach, ob Moses vielleicht einige göttliche Erfahrungen unter Drogeneinfluss gemacht hat. Shanon ist Jude, wenn auch kein strenggläubiger. Er nennt es eine »spekulative Hypothese«, dass Moses und das biblische Volk bewusstseinsverändernde Hal­luzinogene benutzten. Und dass diese Substanzen damals eine wichtige Rolle bei den religiösen Ri­ten der Israeliten gespielt haben könnten. Als Beispiel erwähnt er unter anderem eine Stelle im 2. Buch Moses (20,15): Moses1 »Und das Volk sah den Don­nerschall und die Flammen und den Posau­nenschall und den rauchenden Berg.« Zwei­felsohne eine recht trippige Beschreibung. Das Volk sah, was man sonst nur hören konn­te. Bibelkommentatoren, wie Raschi und Ibn Ezra, sind der Meinung, dass das Sehen von Tönen ein wundersames und übernatürliches Ereignis ist. Der Sehsinn lässt das Wahrge­nommene als real erscheinen. Sehen ist Glau­ben. In der Kabbala, der mystischen Lehre des Judentums, wird zudem erklärt, dass am Berg Sinai alle Sinne und physischen Dimensionen vereint werden mussten, damit die göttliche Botschaft überhaupt wahrgenommen werden konnte. Benny Shanon hingegen glaubt nicht an ein übernatürliches Ereignis. Er selbst hat bei re­ligiösen Zeremonien im Amazonas-Regenwald mit pflanzlichen Drogen experimentiert. »Da­bei hatte ich Visionen, die religiös-spirituelle Bedeutung hatten.« Mehrere Jahre beschäf­tigte er sich wissenschaftlich mit der Wirkung von pflanzlichen Drogen und lernte dabei, »verschiedene Aspekte der jüdischen Traditi­on aus einer neuen Perspektive zu sehen.« Moses2 In der Tora wird der Akazienbaum häufig er­wähnt. Und von Akazien (hebr.: Schittim) ist auch im Talmud (Gittin 69b) in medizinischem Zusammenhang die Rede. Zudem wird dort (Sanhedrin 106a) erläutert, dass der Name »Schittim« von »Schtut« (Unsinn) — in unseren Breiten sagt man häufig »Was redet der denn für einen Stuss« — abgeleitet wird. Könnte das ein Hinweis auf die bewusstseinsverändernde Wirkung sein, die diese Pflanze hat? Wenn in der Tora vom »Sehen von Tönen« berichtet wird, könnte das „auf die Einnahme von Akazien-Substanzen zurückzuführen sein", sagt Shanon. Ähnlich, als Moses seine erste Begegnung mit Gott an einem brennenden Dornbusch hatte (2. Buch Moses 3,4). Der den Ewigen als einziger Mensch direkt sehen durf­te, aber nur von hinten. Dass Personen ohne Gesicht wahr­genommen werden oder auch eine Art göttliche Begegnung empfinden, sei eine häufige Erscheinung beim Halluzino­gen-Konsum, meint Shanon. Es gäbe zahlreiche Paral­lelen zwischen den drogenbe­dingten Erfahrungen und der biblischen Erzählung — und wer schon einmal LSD oder Psilocybin (Pilze) konsumiert hat, weiß gut, wovon hier die Rede ist. Wie in einem Puzzle würden die Teile zusammenpassen. »Ich überlasse es dem Leser, sich sein eigenes Urteil zu bil­den«, schreibt er am Ende sei­nes Artikels. Wenig überraschend: Das Ur­teil in jüdischen Kreisen ist überwiegend negativ, allein schon deshalb, weil die Tora nicht infrage gestellt, und Moses nicht in Zweifel gezo­gen wird. Zudem wird die Einnahme von Drogen im Judentum grundsätz­lich abgelehnt. Und in der Tat finden sich selbst bei an­gestrengter Suche keinerlei Hinweise auf ei­nen ausgesprochenen ritualisierten Gebrauch von Drogen im Judentum. Selbst bei den My­stikern, den Kabbalisten und Chassiden wird man vergeblich nach Drogen-Kulten suchen. Schauen wir uns die jüdische Religion und de­ren mystische Zweige einmal etwas näher an. Moses Das Judentum ist eine sogenannte Schrift-Re­ligion. Das wichtigste Buch der Juden ist die Tora. Sie vereint die fünf Bücher Moses mit sagenhaften 613 Geboten. Es gibt also eine Menge zu beachten, will man korrekt nach jüdischem Glauben leben. Orgiastische Fe­ste oder rauschhafte Rituale sucht man in der jüdischen Religion vergeblich. Während im Christentum der Messias und das Leben nach dem Tod im Zentrum aller Heilserwartungen steht, gilt für die Juden die Befolgung der Tora als Heilsweg. Nur ein Leben nach ihren Wei­sungen ist ein Leben nach dem Willen Gottes. Die wichtigsten Dinge sind bereits auf Erden zu erledigen. Alkohol, Cannabis und andere Drogen lenken aus dieser Sicht nur von einem konzentrierten, Gott und dem Tora-Studium gewidmeten Leben ab. So zumindest die The­orie. Im Laufe der Zeit entwickelte die jüdische Kultur strikte Hygiene- und Ernährungsvor­schriften. Das Wort »koscher« steht auch in Beziehung zu Substanzen, die berauschend wirken. Sie sind der überwiegenden Meinung nach nicht koscher. Es gibt viele Juden, die sich durchaus als gläubig bezeichnen und trotzdem Wein trinken oder kiffen. Manch fort­schrittlich denkender Rabbi plädiert auch für eine Normalisierung im Umgang mit Drogen, vor allem Cannabis. Es sind aber dennoch kei­ne Gemeinden bekannt, die den Gebrauch von Drogen billigen. Eine Ausnahme bildet der Umgang mit Cannabis als Heilmittel, der von Rabbinern in offiziellen Stellungnahmen be­fürwortet wird. Die mystischen Zweige der jüdischen Kultur, wie Merkabah, Kabbala und Chassidismus bemühen sich seit Jahrhunderten um die di­rekte Beziehung des Menschen zu Gott. Aber auch diese Traditionen verbleiben auf »nüch­terner Linie«, von ritualisierten oder eta­blierten Räuschen ist nichts bekannt. Es gibt zwar Textstellen in der Tora, in denen »ka­neh-bosm« eine Rolle bei der letzten Ölung spielt. Noch ist aber nicht geklärt, ob es sich dabei um Cannabis oder Kalmus gehandelt hat, dieser war damals im Orient aber unbe­kannt. Klar ist allerdings, dass die alten He­bräer den Hanf als Faserpflanze kannten. Ob sie ihn aber auch rauchten oder anderweitig als Rauschmittel genutzt haben, ist nicht be­kannt. Nur der Gebrauch von Wein hat sich in den jü­dischen Praktiken bis heute halten können. Am Abend vor dem Sabbat, dem jüdischen Wochenruhetag, wird im Rahmen einer Zere­monie (Kiddusch) ein Glas Wein gereicht. Die­ser dient in der Interpretation einiger Rabbis durchaus dazu, die spirituelle Empfänglich­keit zu erhöhen. Ein ausgelassenes Fest ent­steht dabei aber nicht. Die Chassiden (Fromme) sind die jüdischen Mystiker. Moses3 Es handelt sich um eine ostjüdische Sekte, deren Gründer, Rabbi Israel ben Elieser (etwa 1700 bis 1760 auch der Baalschem — Meister des Gottesnamens — genannt wur­de. Er lebte zumeist in Podolien und Wolhynien (Ukraine). Bevor er sich 1740 in Miedzy­boz niederließ, wanderte er als Wundertäter durch die Karpaten. Martin Buber (1878-1965) ist es wohl zu verdanken, dass die Erzäh­lungen der Chassidim nicht in Vergessenheit gerieten. Innerhalb weniger Jahrzehnte verbreitete sich der Chassidismus in jüdischen Gemeinden in der Ukraine, Polen, Weißrussland, Russland, Österreich und Deutschland. Der Baal Schem Tow und seine Nachfolger betonten den Wert des traditionellen Studiums der Tora und der mündlichen Überlieferung, des Talmuds und seiner Kommentare. Daneben gewann die my­stische Tradition der Kabbala erheblichen Ein­fluss. Über dieses Studium hinaus steht bei den Chassiden das persönliche und gemein­schaftliche Erlebnis an vorderster Stelle. Die Chassiden versammeln sich besonders am Sabbat und den jüdischen Festtagen um ihren Rabbi (jiddisch »Rebbe«), um in Gebet, Liedern und Tänzen und auch religiöser Eksta­se Gott näher zu kommen. Der chassidische Rabbi ist ein charismatischer Führer und Mit­telpunkt der Gemeinde und gibt die chassi­dischen Lehren — oftmals in Form von Erzählungen und Gleichnissen — an seine Schüler weiter. Chassidische Gemeinden sind Teil des orthodoxen Judentums. Zur Zeit seiner Entstehung erwuchs dem Chassidismus innerhalb des Judentums Wi­derstand aus zwei entgegengesetzten Rich­tungen: einerseits aus den Reihen der Mit­nagdim (wörtlich: Gegner). Andererseits empfanden die Maskilim, die Aufklärer um Moses Mendelson, den Chassidismus der Ostjuden als rückständig. Zwischen säkulär geprägter, rationaler Aufklärung und der My­stik des Chassidismus entstand eine schwer überwindbare tiefe Kluft. Chassidische Traditionen wurden in Europa mit der Vernichtung der osteuropäischen Ju­den durch die Nazis beinahe ausgelöscht. In Israel und Amerika, aber auch in Westeuro­pa (Antwerpen, London, Zürich) konnte sich der Chassidismus erfolgreich regenerieren und befindet sich heute, auch aufgrund des starken Bevölkerungswachstums chassi­discher Gruppen, wieder in einem starken Aufschwung. Die bekannteste chassidische Gemeinschaft der Gegenwart ist die Chabad-Bewegung. Daneben gibt es Satmar, Belz, Ger, Wischnitz und viele weitere kleine Gruppen. Herzlichen Dank an Marcel, Tobias & Mike Spoon für ihre inspirativen Anstöße. Rene Gorig

Next Post Previous Post