Die Wirkung von Cannabis auf Herz und Kreislauf | Hanfclub

Die Wirkung von Cannabis auf Herz und Kreislauf

Jul 16
Die Wirkung von Cannabis auf Herz und Kreislauf

Viele Leser werden wissen oder bereits selbst erlebt haben, dass nach dem Rauchen von Canna­bis die Herzfrequenz zunimmt oder sich die Auen röten, da sich die kleinen Blutgefäße im Auge weiten. Die Zunahme der Herzfrequenz wurde in einigen Untersuchungen für eine Zunahme von Herzinfarkten bei Menschen mit einer bereits reduzierten Durchblutung des Herzens verantwort­lich gemacht. Weitere Wirkungen auf Herz und Kreislauf und die Frage, wie diese Effekte zu­stande kommen, werden in diesem Beitrag behandelt. Es ist bemerkenswert, wie komplex diese Wirkungen und die daran beteiligten Prozesse sind und dass angesichts der großen Forschungsanstrengungen noch nicht alle Fragen zu diesem Thema beantwortet sind.

THC und das vegetative Nervensystem

THC und damit auch Cannabis üben die meis­ten Wirkungen auf das Kreislaufsystem über die Aktivierung der bekannten beiden Canna­binoidrezeptoren aus. So wurde der Cannabinoid-1-Rezeptor nicht nur im Gehirn, son­dern auch im Herzen und in den Blutgefäßen nachgewiesen. Auch der Cannabinoid-2-Re­zeptor wurde in einigen Blutgefäßen, nämlich den Herzkranzgefäßen, die den Herzmuskel mit Sauerstoff versorgen, nachgewiesen. Of­fenbar gibt es auf den Zellen, die die Blutge­fäße innen auskleiden, den so genannten En­dothelzellen, zudem noch mindestens einen weiteren Cannabinoidrezeptor-Typ, der an der Wirkung von THC auf die Gefäße beteili­gt ist, jedoch noch nicht eindeutig identifiziert wurde.

THC beeinflusst das vegetative Nervensys­tem, das für die Funktionsweise des Herzens und der Blutgefäße von großer Bedeutung ist. Das vegetative Nervensystem ist für wichtige Körpertätigkeiten zuständig, die ohne den Einfluss des Bewusstseins arbeiten, wie At­mung, Verdauung und Herzarbeit. Es besteht aus zwei Gegenspielern, dem so genannten sympathischen und dem parasympathischen Nervensystem, oft auch kurz Sympathikus und Parasympathikus genannt. Ganz allgemein kann man sagen, dass die Aktivität des Sym­pathikus bei Gefahr und starker Belastung überwiegt und zu einer Zunahme der Herz­frequenz, einer Verbesserung der Durchblu­tung der Muskulatur und einer Reduzierung der Verdauungstätigkeit führt. Dagegen steht die Aktivität des Parasympathikus bei Ruhe und Entspannung im Vordergrund: Das Herz schlägt ruhig und Magen und Darm arbeiten. Cannabiskonsum führt zum Teil zu gegensätzlichen Wirkungen auf das vegetative Nerven­system. Zudem gibt es einen Unterschied in der Wirkung zwischen gelegentlichen und ge­wohnheitsmäßigen Konsumenten.

Akuter Cannabiskonsum führt zu einer Aktivierung des Sympathikus im Zentralnervensys­tem und zu einer Hemmung in der Peripherie, also unmittelbar an den Blutgefäßen selbst. Das hat in der Grundlagenforschung mit iso­lierten Blutgefäßen und in Tierexperimenten zu scheinbar widersprüchlichen Ergebnissen geführt. Beispielsweise verursachen Cannabi­noide im Allgemeinen eine Weitung bzw. Ent­spannung der Arterien von narkotisierten Tie­ren, während sie bei wachen Tieren zu einer Verengung von Arterien im Bauchraum und einer Entspannung in der Muskulatur führten. Unter der Narkose ist die zentrale Aktivierung des Sympathikus durch THC ausgeschaltet.

Unterschiede zwischen Mensch und Tier

Die meisten Untersuchungen zur Wirkung von Cannabinoiden auf das Herzkreislaufsystem wurden mit Tieren durchgeführt. Allerdings lassen sich diese Ergebnisse nicht einfach auf den Menschen übertragen, denn es gibt neben Gemeinsamkeiten auch einige Unter­schiede zwischen der Reaktion von Tieren und Menschen. Beispielsweise verursacht die Verwendung von THC bei Menschen eine Beschei­nigung des Pulses, während bei Tieren eine Verlangsamung des Herzschlags auftritt. Di­ese Unterschiede könnten beispielsweise auf den höheren Dosen, die bei Tierexperimenten verwendet werden oder auf dem unterschied­lichen Grad der Wachheit zwischen Menschen und Labortieren beruhen. Die Bedeutung des Grundniveaus der Wachheit wurde in Expe­rimenten mit Affen demonstriert. Wenn die Tiere in einer ruhigen und bekannten Umge­bung getestet wurden, so verursachte THC eine Beschleunigung der Herzfrequenz, wie sie normalerweise auch bei Menschen beob­achtet wird, während bei Affen, die unter ty­pischen Laborbedingungen getestet wurden, die gleiche THC-Dosis eine Verlangsamung der Herzfrequenz verursachte.

Die akute Wirkung von THC auf den Blutdruck

Bei Menschen führt das Rauchen von Canna­bis zu einer Zunahme der Herzfrequenz mit einer Verstärkung der Herzarbeit, während Änderungen des Herzschlags bei der oralen Verwendung meistens nur nach hohen Do­sen auftreten. Im

Liegen verursacht THC eine leichte Zunahme und in stehender Position eine leichte Abnahme des Blutdrucks. Es kann gelegentlich eine so genannte orthostatische Hypotension auftreten. Damit ist ein stärke­rer Blutdruckabfall im Stehen oder beim Auf­stehen gemeint, der mit einem Schwindel­gefühl einhergehen kann, in seltenen Fällen bis zu einer kurzen Bewusstlosigkeit, weil das Gehirn nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. Die meisten Menschen haben schon eine leichte orthostatische Hypotensi­on erlebt, wenn sie sich morgens nach langer Nachtruhe schnell aufgerichtet haben und der Körper seinen Kreislauf nicht so schnell auf die veränderte Lage einstellen konnte. Dann tritt nicht selten ein leichtes Schwindelgefühl auf, weil das Blut absackt und im oberen Kör­perbereich, inklusive Gehirn, kurzzeitig ein Durchblutungsmangel herrscht. Der Körper hat für diesen Fall einen einfachen Mechanis­mus der Selbstheilung entwickelt, indem er deutlich signalisiert, dass es sinnvoll sei, sich wieder hinzulegen bzw. hinzusetzen oder bei Bewusstlosigkeit erst keine Diskussion mit dem Bewusstsein zulässt. Nach dem Hinlegen (oder Hinfallen) wird das Gehirn gleich wieder ausreichend versorgt.

Es gibt einige Menschen, die Cannabis gegen ihren erhöhten Blutdruck verwenden. Ein Pati­ent, der in Berlin wegen illegalen Cannabisbe­sitzes vor Gericht stand, wurde sogar freige­sprochen, weil er glaubhaft machen konnte, dass er die Droge therapeutisch verwendet und andere Medikamente schlecht vertrage. Wie passt das damit zusammen, dass THC im Liegen normalerweise zu einer leichten Erhö­hung des Blutdrucks führt? Zu diesem Thema ist eine Beobachtung an Tieren aufschluss­reich. Es gibt eine genetisch beeinflusste Art von Ratten mit erhöhtem Blutdruck, bei denen THC den Blutdruck senkt, während bei normalen Ratten keine relevante Veränderung auf­tritt. Die Wirkung von THC hängt also - nicht nur in diesem Bereich - von der Ausgangssitu­ation des Organismus ab.

Die Beeinflussung der Durchblutung

Die Wirkung auf die Durchblutung hängt von der Körperregion und der Größe der Arterien ab. THC und Cannabis verbessern zum Teil die Durchblutung, während sie in anderen Be­reichen die Durchblutung verschlechtern. So wurde in einem Selbstversuch einiger Ärzte festgestellt, dass die Einnahme von THC zu einer verbesserten Durchblutung der Netz­haut des Auges führte. In einer Fachzeitschrift schrieben sie zu den Ergebnissen ihrer Studie, dass diese Wirkung zusätzlich zur bekannten Senkung des Augeninnendrucks dazu beitra­gen könnte, bei Patienten mit Glaukom (grü­ner Star) die Sehkraft zu erhalten. Die ver­besserte Durchblutung wirkt der Schädigung des Sehnervs, die letztlich beim Glaukom zur Blindheit führen kann, entgegen.

Bei regelmäßigen Cannabiskonsumenten fand sich im Vergleich mit Nichtkonsumenten eine leichte Verengung der Blutgefäße im Gehirn, bei einem gleichzeitig beschleunigten Blut­fluss. THC verursachte eine Entspannung der kleinen Arterien, die den Darm versorgen, und damit eine bessere Durchblutung, während die Durchblutung der großen Darmarterien nicht beeinflusst wurde. Es erhöht den Blut­fluss im Vorderarm, verengt jedoch die klei­nen Blutgefäße in den Fingern und Zehen.

Herzinfarkte durch Cannabis

Im Jahr 2001 wurde erstmals eine Studie mit Patienten, die einen Herzinfarkt erlitten hat­ten, veröffentlicht, nach der einige der Pati­enten in den Stunden unmittelbar vor dem Infarkt Cannabis konsumiert hatten. Für ein leicht erhöhtes Herzinfarktrisiko kommen ur­sächlich die Steigerung der Herzfrequenz, als auch Blutdruckveränderungen durch Canna­bis in Frage. Beide Wirkungen stellen für ein bereits vorgeschädigtes Herz eine Belastung dar. Eine Studie aus dem Jahr 2008 ergab, dass das Risiko von Patienten, die einen Herz­infarkt überlebt hatten, später doch an einer Herzkreislauferkrankung zu sterben, bei Can­nabiskonsumenten verdoppelt war. Diese Stu­dien sind ein Hinweis darauf, dass Personen mit Herzkreislauferkrankungen vorsichtig mit Cannabis umgehen sollten, insbesondere wenn sie bisher keine Erfahrungen hatten. Sie sollten möglichst nur THC-Dosen verwenden, die noch keine relevanten Veränderungen der Frequenz des Herzschlags und des Blutdrucks verursachen.

Es wurden auch einige Fallberichte über Schlaganfälle im Zusammenhang mit dem Konsum von Cannabis veröffentlicht. Dabei waren auch vergleichsweise junge Konsu­menten im Alter zwischen 20 und 3o Jahren betroffen. Diese Ereignisse wurden auf einen Blutdruckabfall und eine Störung der Regu­lierung der Gehirndurchblutung oder Spas­men der Gehirnarterien durch Cannabis zu­rückgeführt.

Allerdings können relativ seltene Ereignisse im Zusammenhang mit einer weit verbreiteten Droge einfach ein zufälliges Zu­sammentreffen darstellen, ohne dass eine ur­sächliche Verbindung bestehen muss.

Toleranzentwicklung bei längerer Verwendung

Menschen (und Tiere), die regelmäßig grö­ßere Mengen an THC bzw. Cannabis verwen­den oder erhalten, entwickeln innerhalb einer kurzen Zeit von einigen Wochen eine Toleranz hinsichtlich der Beschleunigung der Herzfre­quenz und anderer Wirkungen auf den Kreis­lauf, sodass sich Reaktionen auf eine einzelne THC-Dosis von Reaktionen bei gewohnheits­mäßigen Cannabiskonsumenten unterschei­den können. Nach wiederholter Verwendung von Cannabis fällt die Blutdrucksteigerung schwächer aus, die orthostatische Hypotensi­on, das heißt der Blutdruckabfall im Stehen, verschwindet und ein schneller Herzschlag kann sich zu einem langsamen Herzschlag verändern. Diese Veränderungen werden auf eine veränderte Reaktion des vegetativen Nervensystems zurückgeführt. Die Aktivie­rung des Sympathikus im Zentralnervensys­tem schwächt sich ab, während sich die para-sympathische Aktivität verstärkt.

Schutz vor Arteriosklerose

Die entzündungshemmenden Eigenschaften des THC und anderer Cannabinoiden können sich möglicherweise schützend auf das Ge­fäßsystem auswirken. Es ist heute bekannt, dass die Entwicklung der Arteriosklerose (Arterienverkalkung) ein entzündlicher Pro­zess ist. Im Tierversuch wurde nachgewie­sen, dass THC den Entzündungsprozess, der im Wesentlichen für die Arteriosklerose ver­antwortlich ist, blockiert. Auch eine Erhöhung der Konzentration von Endocannabinoiden im Blut durch eine Hemmung des Proteins, das für den Abbau von Endocannabinoiden ver­antwortlich ist, verlangsamte das Altern des Gefäßsystems und die Entwicklung der Arteri­enverkalkung. Dieser Effekt wird auf eine Ak­tivierung des Cannabinoid-2-Rezeptors in den Blutgefäßen und auf Entzündungszellen zu­rückgeführt. Bisher ist nicht bekannt, wie sich der Konsum von Cannabis auf die Entwicklung der Arteriosklerose bei Menschen auswirkt. Insbesondere ist es unbekannt, bei welcher Dosis möglicherweise ein schützender Effekt zu erwarten ist.

Schlussfolgerungen

THC beziehungsweise Cannabis üben vielfäl­tige Wirkungen auf Herz und Kreislauf aus. Von möglicherweise schädlichen Einflüssen sind insbesondere Menschen mit einem be­reits vorgeschädigten Herzen sowie unerfahrene Konsumenten betroffen, bei denen sich noch keine Toleranz gegen Änderungen der Herzfrequenz und des Blutdrucks ausgebildet hat. Es ist bisher unklar, wie die beschriebenen Fälle eines Schlaganfalls im Zusammenhang mit dem Konsum von Cannabis ein­zuordnen sind. Ob Cannabiskonsum möglicherweise eine Schutzfunk­tion bei der Ent­wicklung einer Ar­terienverkalkung ausübt, ist bisher nicht sicher zu be­antworten.

Dr. med. Franjo Grotenhermen

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