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macht kiffen blöd?

Jul 17

Akuter Cannabiskonsum beeinträchtigt die kognitive beziehungsweise geistige Leistungsfähig- keit aufgrund einer Toleranzentwicklung bei gewohnheitsmäßigen Konsumenten weniger als bei gelegentlichen Konsumenten. Für die langfristigen Wirkungen des Cannabiskonsums auf die gei- stige Leistungsfähigkeit gilt das Umgekehrte: nur sehr starke Cannabiskonsument/-innen müs­sen damit rechnen, dass ihre kognitiven Fähigkeiten auf Dauer leiden, also auch noch, wenn sie ihren Konsum bereits für mehrere Wochen eingestellt haben Der zweite, vermutlich wichtigere Faktor — ne­ben der Intensität des Konsums — ist der Be­ginn des Konsums: Wer schon als Kind be­ziehungsweise als Jugendlicher regelmäßig Cannabis konsumiert, muss möglicherweise mit einer Beeinträchtigung seiner geistigen Fähigkeiten rechnen. Die kurze Antwort auf die Frage: »Macht Cannabis blöd?« lautet da­her: »Ja, aber.« Diese kurze Antwort hilft aller­dings wenig weiter, weil sie keine Antwort auf die relevantere Frage liefert, wie ausgeprägt diese Effekte sind oder was in diesem Zusam­menhang beispielsweise unter einem sehr starken Konsum zu verstehen ist. Wie sich Professor Thomasius einmal einen lukrativen Forschungsauftrag sicherte Ich möchte die Obersicht des aktuellen wissen­schaftlichen Kenntnisstandes mit einer nicht mehr so aktuellen Stellungnahme von Pro­fessor Rainer Thomasius, Leiter des Arbeits­bereiches Persönlichkeits- und Belastungs­störungen im Zentrum für Psychosoziale Medizin des Universitätsklinikums Hamburg, beginnen. Dieser erklärte in der Sendung Re­port Mainz vom 18. November 2002 über die »verschwiegenen Gefahren des Cannabis-Konsums«: „Die Jugendlichen bleiben auf der Stufe stehen in ihrer Entwicklung, aber auch in der Hirnreifung, wo sie in den Cannabis-Missbrauch eingestiegen sind. Mit 18 Jahren haben sie dann das Gehirn eines 13-Jährigen, und sie wirken auch von ihrem Verhalten, von der Physiognomie wie 13-Jährige." macht kiffen bloed 02 In einem Beitrag für die Zeitschrift Psychiat­rische Praxis vom 12. April 2005 schrieb er: „Fasst man den heutigen Kenntnisstand zu­sammen, so ist zu resümieren, dass problema­tische Konsumformen — und hierzu zählt auch jeglicher Konsum von Cannabis in der Puber­tät — mit einem erhöhten Risiko für die alters­gerechte Entwicklung und Gesundheit ein­hergehen. Bei jungen Cannabiskonsumenten werden Entwicklungsstörungen infolge Can­nabismissbrauchs beobachtet (ungünstige Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwick­lung, Leistungsfähigkeit, Motivation etc.), des weiteren psychische Störungen (depressive Störungen, Angststörungen, Psychosen etc.) und körperliche Erkrankungen (Hirnreifungs- und Hirnleistungsstörungen etc.)." Seinen Beitrag in dieser Zeitschrift beendete er mit den Worten: „Jetzt muss gehandelt werden. Die Zuweisung entsprechender Mittel voraus­gesetzt." Damals hatte ich in einer Stellungnahme di­ese Ausführungen als Bewerbung für einen Forschungsauftrag gewertet, mit den fol­genden Worten: „Thomasius verschafft sich durch seine übertriebenen Worte — er würde sie vielleicht selbst als Zuspitzungen bezeich­nen — nicht nur Aufmerksamkeit, sondernauch Geldmittel für seine Klinik." Tatsächlich hatte diese Bewerbung Erfolg. Prof. Thoma­sius erhielt vom Bundesgesundheitsministe­rium den Auftrag, eine systematische Ober­sicht von Forschungsarbeiten zu möglichen organmedizinischen, psychischen und psy­chosozialen sowie neurokognitiven Beein­trächtigungen im Zusammenhang mit Can­nabiskonsum im Zeitraum zwischen Frühjahr 1996 und Frühjahr 2006 anzufertigen. Damit sollte, wie es Thomasius formuliert, beurteilt werden, „ob die in der einflussreichen BMG-Expertise von Kleiber & Kavor (1998) getrof­fenen Bewertungen hinsichtlich der Risiken des Cannabiskonsums auf der Basis neuerer Forschung gegebenenfalls zu revidieren oder zu ergänzen sind". Diese mit erheblichen Geldmitteln vom Bundesgesundheitsmini­sterium beziehungsweise dem Steuerzahler finanzierte Studie von Petersen & Thomasi­us wurde 2007 veröffentlicht und ist auch als Buch erhältlich. Das Bundesgesundheitsmini­sterium hat sich offenbar Professor Thomasi­us ausgesucht, damit ein Wissenschaftler mal so richtig deutlich macht, wie gefährlich der Cannabiskonsum ist — nachdem es mit dem Auftrag an die Professoren Kleiber & Kovar aus Berlin 10 Jahre zuvor nicht so richtig funk­tioniert hatte. Allerdings wurde auch diesmal nichts daraus, weil Prof. Thomasius sich nicht nur auf seine eigene Meinung, sondern auf wissenschaftliche Studien stützen musste. Und da konnte er — vermutlich zu seinem eige­nen Bedauern — nicht viel Neues verkünden. Seine Expertise wurde von seinen vermutlich ebenfalls enttäuschten Auftraggebern daher auch nicht besonders hervorgehoben oder für eine mahnende Stellungnahme verwendet. Starker Cannabiskonsum: Dichtung und Wahrheit
In einer Zusammenfassung der Experti­se von Petersen & Thomasius (2007) für die Zeitschrift »Sucht aktuell« (online verfüg­bar unter: http://www.dvjj.de/download. php?id=816) fassen die Autoren für den Be­reich der neurokognitiven Auswirkungen „drei Hauptbefunde" zusammen: 1. „Abstinente chronische Cannabiskonsu­menten weisen einen im Vergleich zu Kontrol­len regional verminderten zerebralen Blut­fluss auf." 2. „Während der Akutwirkung vermindert Cannabis bzw. THC kognitive Leistungen im Bereich der Aufmerksamkeit, der Gedächtnis­funktionen bzw. des Lernens sowie der Re­aktionszeit. Bei intensivem regelmäßigem Cannabiskonsum treten meist wohl subkli­nische Leistungsminderungen im Bereich des Gedächtnisses und des Lernens auf, die auch bei fortgesetzter Abstinenz noch Wochen per­sistieren können und möglicherweise nicht vollständig remittieren." 3. „Während der Akutwirkung von Cannabis/ THC sind die für das Führen eines Kraftfahr­zeuges notwendigen Leistungsfunktionen be­einträchtigt." Was Petersen & Thomasius hier als Hauptbe­funde zusammenfassen ist schon wenig und reduziert sich weiter, wenn man sich die Er­gebnisse genauer anschaut. Die Aussage zum verminderten zerebralen Blutfluss bezieht sich auf eine am Nationalen Institut für den Drogenmissbrauch der USA durchgeführte Studie aus dem Jahr 2005 mit 54 Cannabis­konsumenten, die in leichte Konsumenten (durchschnittlich 11 Cannabiszigaretten pro Woche), mäßig starke Konsumenten (durch­schnittlich 44 Cannabiszigaretten) und starke Konsumenten (durchschnittlich 131 Cannabis­zigaretten) aufgeteilt wurden. Die Teilnehmer wiesen einen höheren Blutfluss als Nicht-Kon­sumenten auf. Es gab auch einen höheren Wi­derstand gegen den Blutfluss. Nach einem Mo­nat ohne Cannabis hatte sich der Widerstand gegen den Blutfluss bei den leichten und mä­ßig starken Konsumenten wieder weitgehend normalisiert, während er bei den starken Kon­sumenten immer noch erhöht war. Die Aussagen von Petersen & Thomasius be­ziehen sich beim ersten Punkt also nicht auf »chronische Cannabiskonsumenten«, son­dern auf sehr starke Konsumenten, die im Durchschnitt 18 Cannabiszigaretten pro Tag rauchen. Die Zusammenfassung zum zweiten Hauptbefund bezieht sich auf eine Studie mit einer ähnlichen Verteilung von Teilnehmern aus dem Jahr 2002. Es handelte sich um leich­te Konsumenten (2 bis 14 Cannabiszigaretten pro Woche), mäßig starke (wöchentlich i8 bis 7o Cannabiszigaretten) und starke Konsu­menten (wöchentlich 78 bis 117 Cannabisziga­retten). Nachdem die Teilnehmer dieser Stu­die 28 Tage lang abstinent geblieben waren, schnitten die sehr starken Konsumenten in 5 von 35 Tests zur neurokognitiven Leistungs­fähigkeit schlechter ab als die leichten Kon­sumenten, was nach Ansicht der Autoren „ir­reversible Wirkungen" nahe lege. Wer also mehr als 10 bis 15 Cannabiszigaretten pro Tag konsumiert, muss damit rechnen, dass leichte Beeinträchtigungen der geistigen Leistungs­fähigkeit auch nach dem Absetzen von Canna­bis bestehen bleiben. „Subklinisch" bedeutet, dass es sich um Leistungseinschränkungen handelt, die im normalen Alltag nicht auffal­ten. Werden regelmäßige Cannabiskonsumenten untersucht, die einen weniger intensiven Kon­sum aufweisen, dann sehen die Ergebnisse anders aus. So untersuchten Forscher der Co­lumbia-Universität in den USA im Jahr 2010 die Wirkungen des akuten Konsums von Can­nabis auf die Bewältigung computerbasierter kognitiver Aufgaben bei Personen, die etwa 24 Cannabiszigaretten pro Woche konsumierten. Es fanden sich keine relevanten Unterschiede in diesen Tests, wenn die Teilnehmer vorher THC-reichen Canna­bis oder ein Placebo (THC-freier Cannabis) geraucht hatten. Eine andere Studie aus dem Jahr 2001 mit 63 aktuellen starken Can­nabiskonsumenten, 45 ehemaligen starken Konsumenten und 72 Nicht-Konsumenten ergab, dass einige kognitive Defizite bis min­destens sieben Tage nach Beendigung des starken Cannabiskon­sums bestehen bleiben. Nach 28 Tagen Abstinenz fanden sich al­lerdings keine relevanten Unterschiede mehr zwischen diesen drei Gruppen. Die Autoren folgerten daraus, dass Cannabiswirkungen auf die geistige Leistungsfähigkeit bei starken Konsumenten re­versibel sind. Auch Petersen & Thomasius (2007) mussten feststellen: „Ein neu­rotoxischer Effekt des Cannabiskonsums ist auf der Basis des ak­tuellen Forschungsstandes nicht feststellbar." Die Wirkungen auf die kognitive Leistungsfähigkeit bei jugendlichen Konsumenten Es ist sicherlich unseriös, wenn Thomasius behauptet, jeglicher Konsum von Cannabis in der Pubertät sei problematisch, oder gar zu behaupten, jugendliche Cannabiskonsumenten würden in ihrer geistigen und körperlichen Entwicklung stehen bleiben. Das Aus­probieren verschiedener Verhaltensweisen während der
Pubertät, zu denen auch das Probieren von Cannabis zählen kann, stellt ein normales Verhalten dar. Es gibt im Allgemeinen auch keine Aus­wirkungen auf die Entwicklung der Jugendlichen. Dies ist eine Fra­ge der Dosis.

In ihrer Expertise für das Bundesgesundheitsministerium stell­ten Petersen & Thomasius fest: „Cannabiskonsum vermindert die schulische Leistung und erhöht die Wahrscheinlichkeit für ei­nen Schulabbruch." Zudem weisen sie auf „stärkere Beeinträchti­gungen bei frühem regelmäßigem Cannabiskonsum" hin. Die er­ste Aussage wird beispielsweise durch eine Studie bestätigt, in der drei Gruppen verglichen wurden: (1) frühzeitige Konsumenten, die vor dem 17. Lebensjahr begonnen hatten, (2) Cannabiskonsu­menten mit einem Konsumbeginn mit 17 Jahren oder später so­wie (3) Nicht-Konsumenten. Es wurden nur geringe Unterschiede zwischen den letzten beiden Gruppen gefunden. Die frühen Kon­sumenten wiesen jedoch eine schlechtere kognitive Leistungsfä­higkeit auf, vor allem beim verbalen Intelligenzquotienten, das heißt bei der Fähigkeit, sich sprachlich auszudrücken. Die Auto­ren schlagen drei mögliche Gründe für das schlechtere Abschnei­den der frühzeitig mit dem Konsum begonnenen Personen vor: (1) Unterschiede in der kognitiven Leistungsfähigkeit bereits vor dem ersten Konsum, (2) aktuelle neurotoxische Wirkungen auf das sich entwickelnde Gehirn oder (3) schlechteres Erlernen konventio­neller kognitiver Fähigkeiten durch junge Cannabiskonsumenten, die sich von der normalen Bildungslaufbahn abgewendet haben. Eine andere Studie aus Neuseeland kommt zu dem Ergebnis, dass die Gründe für einen häufigeren Abbruch von Schule oder Studi­um vermutlich eher die Wirkungen von Cannabis auf den sozialen Kontext, innerhalb dessen Cannabis konsumiert wird, als eine direkte Wirkung von Cannabis auf die kognitive Leistungsfähig­keit oder Motivation reflektieren. Eine Studie aus Kalifornien aus dem Jahr 2007 legt nahe, dass jugendliche Cannabiskonsumenten leichte Defizite bei der psychomotorischen Geschwindigkeit, der komplexen Aufmerksamkeit, der Erinnerung an zuvor erzählte Ge­schichten und der Planungsfähigkeit aufweisen.

Schlussfolgerung

Wenn Cannabis blöd macht, dann in einem Umfang, dass man es im Alltag nicht merkt. Erst aufwändige Untersuchungen mit kom­plexen Aufgaben können nach den vorliegenden Untersuchungen nachweisen, dass gewohnheitsmäßige Cannabiskonsumenten eine geringere kognitive Leistungsfähigkeit aufweisen als Nicht-Konsumenten. Bei sehr starken Konsumenten, gemeint sind Per­sonen, die mehr als 10 bis 20 Cannabiszigaretten täglich konsu­mieren, können solche kognitiven Defizite auch noch längere Zeit nach Beendigung des Konsums, möglicherweise auch dauerhaft, bestehen bleiben. Die Wirkung der Droge auf die geistige Lei­stungsfähigkeit könnte bei Heranwachsenden stärker ausfallen als bei Erwachsenen. Ob die Wirkungen auf schulische Leistungen auf einer Schädigung des Gehirns durch Cannabis oder auf ei­ner veränderten Einstellung gegenüber dem von der Schule verlangten Leistungsprinzip zu Gunsten anderer Wertvorstellungen eruhen, ist allerdings nicht ganz klar. Leichte geistige Defizite in einigen Bereichen bei frühzeitigem Beginn eines regelmäßigen Konsums erscheinen aber wahrscheinlich.

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