Cannabis und Strassenverkehr | Hanfclub

Cannabis und Strassenverkehr

Jul 17

Ab Mitte der 1990er Jahre entwickelte sich der drohende Führerscheinentzug zu einem der wich­tigsten Mittel zur Durchsetzung der Cannabis-Prohibition, nicht nur in Deutschland. Das Haupt­problem besteht für die Konsumenten darin, dass sie auch dann vom Führerscheinentzug bedroht sind, wenn sie den Cannabiskonsum und die Teilnahme am Straßenverkehr gewissenhaft und ver­antwortungsvoll trennen, weil THC je nach Konsumintensität häufig noch lange nach dem letzten Konsum im Blut nachgewiesen werden kann. Liegt die Konzentration im Blutserum in Deutsch­land über 1 ng/ml (Nanogramm pro Milliliter) so wird dennoch grundsätzlich mangelndes Trenn­vermögen unterstellt. Wer aber seinen Konsum und die Teilnahme am Straßenverkehr nicht tren­nen kann, ist nach der aktuellen Rechtslage nicht geeignet am Straßenverkehr teilzunehmen und verliert seinen Führerschein.
Cannabis und Strassenverkehr 01 Nachweisbarkeitsdauer von THC im Blut­serum von Gelegenheitskonsumenten Nach dem Rauchen einer einzigen Cannabis­zigarette mit 34 mg THC wurden im Blutserum maximale THC-Konzentrationen von durch­schnittlich 162 ng/ml, mit einer Schwankungsbreite von 76 bis 267 ng/ml bei verschiedenen Konsumenten, nachgewiesen. Diese maxima­le Konzentration wurde etwa 5 bis 10 Minuten nach Beginn des Rauchvorgangs beobachtet. Innerhalb von drei bis vier Stunden sank diese Konzentration auf niedrige Spiegel von etwa 1 bis 4 ng/ml. In einer anderen Studie wur­den maximale Konzentrationen von 135, 203 beziehungsweise 231 ng/ml für THC im Blut­serum nach dem Rauchen einer einzigen Can­nabiszigarette mit 29, 49 beziehungsweise 69 mg THC gemessen. Ahnliche Konzentrationen wurden auch bei Verwendung eines Vapori­zers festgestellt. Die Grenze von einem Nanogramm pro Millili­ter, die für die rechtliche Bewertung der Fahr­tüchtigkeit und Fahreignung so entscheidend ist, wird nach etwa 5 bis 10 Stunden erreicht. Danach könnte jemand, der abends gegen 22:00 Uhr eine Cannabiszigarette raucht, im Allgemeinen urn 8:00 Uhr am nächsten Mor­gen wieder gefahrlos am Straßenverkehr teilnehmen. Gefahrlos meint in diesem Fall zweierlei. Zum einen wäre er sicherlich wie­der völlig nüchtern, so dass er sich selbst und andere Teilnehmer am Straßenverkehr keiner Gefahr aussetzt, und zum anderen sollte die THC-Konzentration im Blutserum unter 1 ng/ ml gefallen sein, so dass auch keine Gefahr für den Verlust des Führerscheins bestünde. Leider sieht die Realität nicht selten anders aus. Auch bei gelegentlichem Konsum kann manchmal auch noch am nächsten Tag THC im Blut nachgewiesen werden. Obwohl nach einer Nacht sicherlich keine Beeinträchtigung der psychomotorischen Leistungsfähigkeit mehr vorliegt, gilt der Betroffene als »absolut fahruntüchtig«, wird also so behandelt, als hätte er eine erhebliche Konzentration von 1,1 Promille Alkohol im Blut. Das kann auf einer Aufnahme einer großen Menge beruhen oder auch an einer langsamen Verstoffwechse­lung beziehungsweise einem langsamen Ab­bau von THC in der Leber liegen. Cannabis hat heute nicht selten THC-Konzentrationen von 15 Prozent. Wer davon ein halbes Gramm kon­sumiert, hat 75 Milligramm geraucht, von de­nen sich Reste eventuell auch noch am näch­sten Tag finden lassen. So nahmen in einer amerikanischen Studie aus dem Jahr 1990 mehrere Probanden an einem Tag unterschiedliche THC-Mengen auf (zwei bis vier Cannabiszigaretten mit 2,6 Pro­zent THC, entsprechend etwa 35 bis 7o mg THC). Bei einem Teilnehmer, der vier Canna­biszigaretten geraucht hatte und eine halbe Stunde nach dem letzten Konsum eine Kon­zentration im Blutserum von 342 ng/ml auf­wies, wurde am folgenden Nachmittag, etwa 24 Stunden nach dem letzten Konsum, noch eine THC-Konzentration von über 4 ng/ml nachgewiesen. Wer also erhebliche Mengen konsumiert hat, wird am nächsten Morgen zwar wieder fahrtüchtig sein, allerdings even­tuell seinen Führerschein riskieren. Wenn ein langsamer THC-Stoffwechsel vorliegt Nicht jeder baut THC gleich schnell ab, es gibt sogar erhebliche Unterschiede. Für den Abbau von THC sind vor allem bestimmte Enzyme in der Leber verantwortlich. Enzyme sind Protei­ne, die bestimmte chemische Prozesse im Kör­per beschleunigen. Das wichtigste Enzym für den THC-Abbau ist das so genannte CYP2C9. Dieses Enzym kann je nach genetischer Vari­ante den Umbau von THC in 11-Hydroxy-THC unterschiedlich stark fördern. In einer Stu­die an der Universität Göttingen hatten 43 gesunde Freiwillige 15 mg orales THC einge­nommen. Bei Personen mit der aktivsten En­zym-Variante wurde THC auch am schnellsten abgebaut, so dass nach 24 Stunden noch eine durchschnittliche THC-Plasmakonzentration von 0,15 ng/ml gemessen wurde, verglichen mit durchschnittlich 0,37 ng/ml bei Personen mit der am wenigsten aktiven Enzym-Varian­te. Man kann sich leicht vorstellen, dass bei einer größeren Dosis durchaus bei dem einen oder anderen THC noch länger als die üblichen 5 bis 10 Stunden nach dem letzten Konsum in einer Konzentration über einem Nanogramm pro Milliliter Blutserum nachgewiesen wer­den kann. Unsere genetische Ausstattung hat also Aus­wirkungen auf die Dauer eines THC-Nach­weises im Blut beziehungsweise Urin. Am Ab­bau von THC sind weitere Enzyme beteiligt, wenn auch in geringerem Ausmaß.

THC-Nachweis bei regelmäßigen Konsumenten

Die THC-Konzentrationen im Blut verhalten sich bei gelegentlichen und regelmäßigen Konsumenten unterschiedlich. In einer ame­rikanischen Studie aus dem Jahr 2008 mit re­gelmäßigen Konsumenten, die in der voraus­gegangenen Woche 4 bis 25 mal konsumiert hatten, wiesen die Teilnehmer bereits vor dem kontrollierten Rauchen einer Cannabiszigaret­te zum Teil deutliche THC-Konzentrationen im Blutserum auf (bis zu 12,3 ng/ml), obwohl der letzte Konsum vor Beginn der Studie bereits viele Stunden zurücklag. In den acht Stunden nach dem Rauchen der Cannabiszigarette san­ken die THC-Konzentrationen auf 68 bis 196 Prozent des ursprünglichen Werts ab. Betrug der Ausgangswert beispielsweise 5 ng/ml, so wurde acht Stunden nach der Inhalation der Cannabiszigarette möglicherweise 3,5 ng/ml (70 Prozent) oder auch io ng/ml (200 Prozent) THC im Blutserum nachgewiesen.

In einer deutschen Studie aus dem Jahr 2003 wurden Blutserum-Proben von starken, mä­ßig starken und gelegentlichen Cannabiskon­sumenten bis zu zwei Tage nach dem letzten Konsum auf THC sowie seine Abbauprodukte THC-COOH und 11-OH-THC untersucht. Bei den meisten starken Konsumenten war THC auch 24 bis 48 Stunden nach dem letzten Konsum nachweisbar, in Konzentrationen zwischen 1,3 und 6,4 ng/ml. Auch bei einem mäßig starken Konsumenten war THC 24 Stunden nach dem letzten Konsum noch in einer Serumkonzen­tration von 1,8 ng/ml vorhanden. Personen, die regelmäßig konsumieren, haben also grundsätzlich THC im Blut, sind also nach den deutschen Gesetzen durchgängig »abso­lut fahruntüchtig« — und das im Allgemeinen auch noch länger als zwei Tage nach dem letz­ten Konsum.

Passivkonsum von THC

Wer als Autofahrer mit zwei oder drei Canna­biskonsumenten, die während der Fahrt eini­ge Cannabiszigaretten rauchen, auf deutschen Straßen unterwegs ist, riskiert ebenfalls sei­nen Führerschein. So wurde beispielswei­se in einer Studie aus dem Jahr 1985 unter­sucht, wie sich das Rauchen von 45 mg THC durch mehrere Konsumenten innerhalb von 3o Minuten auf die THC-Blutkonzentration bei einem Nichtraucher im gleichen kleinen Raum von 1,65 Kubikmetern auswirkte. Unmittelbar nach der Exposition wurden bei fünf passiv Exponierten THC-Plasmakonzentrationen von 1,3 bis 6,3 ng/ml nachgewiesen. Wenn der Raum größer und damit auch die THC-Konzen­tration in der Raumluft geringer ist, fällt auch die passiv aufgenommene THC-Menge gerin­ger aus. So interessierten sich im letzten Jahr einige Wissenschaftler für die Frage, wie sich ein möglicher Passivkonsum bei einem mehr­stündigen Aufenthalt in einem holländischen Coffeeshop auswirkt. Dazu verbrachten acht Probanden drei Stunden in einem Shop. THC wurde in Blutproben, die 1,5 und 3,5 Stunden nach dem Besuch entnommen worden waren, nachgewiesen. Nach sechs Stunden war kein THC mehr nachzuweisen. Unter bestimmten Voraussetzungen kann daher auch Passivkon­sum zu THC-Konzentrationen im Blutserum führen, bei denen der Betroffene als absolut fahruntüchtig gilt.

Beeinflussung der THC-Konzentration durch starke Gewichtsabnahme

Nach einer tierexperimentellen Untersuchung an der Universität von Sydney aus dem Jahr 2009 können Stress und akute Gewichtsabnahme zu einem positiven Test auf THC lange nach dem letzten Konsum führen. Die Studie wurde inspiriert durch anekdotische Berichte, nach denen die THC-Konzentrationen im Blut bei Menschen zunahmen, die in der jüngeren Zeit keinen Cannabis konsumiert, jedoch starken Stress oder einen schnellen Gewichts­verlust erlebt hatten. Die Autoren zitieren das Beispiel eines Athleten, der geschworen hat­te, seit Monaten keinen Cannabis geraucht zu haben, jedoch unmittelbar vor einem posi­tiven Drogentest schnell 4 kg an Gewicht ver­loren zu haben.

In der tierexperimentellen Studie erhielten Ratten mehrere Tage lang THC. Die Gabe so­wohl des Stresshormons ACTH als auch ein 24-stündiger Nahrungsentzug erhöhten die Blutkonzentration von THC und seines Abbau­produktes THC-COOH. Die Autoren schreiben: »Die vorliegende Studie zeigt, dass eine Lipo­lyse [Abbau von Fett] die Freisetzung von THC aus Fettreserven zurück in das Blut verstär­kt.«

Die zügige Abnahme der THC-Konzentrati­on im Blut nach der Inhalation von Cannabis beruht auf einer Umverteilung von THC aus dem Blut in fettreiche Gewebe. Dies liegt an der schlechten Wasserlöslichkeit und der »Li­pophilie« (= gute Löslichkeit in Fett bzw. öl) von THC. Aus dem Fett wird THC nur langsam wieder ins Blut abgegeben. Stress oder Abbau von Fett können offenbar die Freisetzung von THC aus dem Fettgewebe beschleunigen.

Es besteht vielfach die Auffassung, Sport und Sauna könnten dazu beitragen, dass die Nachweisbarkeitsdauervon THC im Urin redu­ziert wird — etwa bei einem bevorstehenden Drogenscreening. Ein solcher Effekt ist nicht nachgewiesen. Bei einer mit dem Sport ver­bundenen starken Gewichtsabnahme kann sogar ein gegenteiliger Effekt auftreten: durch die Mobilisierung von THC aus dem Fett wer­den selbst noch geringste Restmengen nach­weisbar.

Verursachung von Unfällen durch Cannabiskonsumenten

In einer großen Untersuchung in den USA wurde THC bei 6,8 Prozent aller Autofahrer festgestellt. Bei Personen im Alter zwischen 16 und 20 Jahren waren dies sogar 15,2 Pro­zent. 13 Prozent aller Autofahrer, die in Unfäl­le mit tödlichem Ausgang verwickelt waren, wiesen THC im Blut auf. Geht man davon aus, dass jüngere Fahrer häufiger als Personen im mittleren Lebensalter in einen tödlichen Un­fall verwickelt sind, so ergibt sich daraus ein leicht erhöhtes Risiko für Cannabiskonsu­menten, in tödliche Unfälle verwickelt zu sein. Es wurde versucht, dieses Risiko in so ge­nannten Unfallverursacherstudien zu ermit­teln. Die meisten bisher durchgeführten Un­fallverursacherstudien haben gezeigt, dass Personen, die Cannabinoide, d. h. entweder THC oder seine Abbauprodukte im Blut auf­wiesen, nicht häufiger Unfälle verursachten als drogenfreie Fahrer.

In der bisher größten Unfallverursacherstudie aus Frankreich, die im Jahr 2005 veröffentlicht wurde, fand sich eine Erhöhung des Unfallri­sikos durch Cannabiskonsum in Abhängig­keit von der THC-Konzentration im Blut. Wie die Tabelle zeigt, war in dieser Studie das Un­fallrisiko durch Alkohol selbst bei einer BAK (Blutalkoholkonzentration) unter o,5 Promil­le größer als das Unfallrisiko durch Cannabis bei vergleichsweise hohen THC-Blutkonzen­trationen. Für Alkohol fand sich ein starker Anstieg des Risikos in Abhängigkeit von der BAK, mit einer durchschnittlichen Risikoerhö­hung durch Alkohol um etwa das Achtfache, während selbst vergleichsweise hohe THC­Konzentrationen das Risiko nur auf etwa das Doppelte erhöhten.

Schlussfolgerung

THC und Cannabis können das Unfallrisiko erhöhen. Allerdings sind vermutlich viele Can nabiskonsu menten, die wegen einer geringen THC-Konzentration im Blut­serum als »absolut fahrun­tüchtig« eingestuft werden, tatsächlich fahrtüchtig, da­runter alle gewohnheitsmä­ßigen Konsumenten.

- Von Dr. med. Franjo Grotenhermen -

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